Games / Reportage

Kreativ im Weltraum

Ein Blick auf den Do-it-yourself-Baukasten "Space Engineers"

Es ist ein galaktischer Baukasten: "Space Engineers" vom tschechischen Entwickler Keen Software House verlegt "Minecraft" ins Weltall. Das Ergebnis bietet schier unendliche Möglichkeiten, erfordert aber auch Verständnis für Logik und Technik sowie eine Engelsgeduld.

Mit "Minecraft" erschufen Markus Persson alias "Notch" und seine Indie-Schmiede Mojang nicht nur einen zeitlosen Klassiker. Sie traten damit auch eine Welle von Community-betriebenen Kreativ-Baukästen mit Survival-Note los. Ob "Don't starve", "Terraria", "Faster than Light" oder die Anti-Zombie-Maßnahmen aus dem Kickstarter-finanzierten "Survive": Überall werden Ressourcen abgebaut, zunächst in Werkzeuge verwandelt und anschließend zu schützenden Bollwerken aufgeschichtet. Deren visuelle Qualität reicht schließlich von schlichten Blockhütten bis hin zu prachtvollen Palästen oder detailgetreuen Nachbauten filmischer Artefakte. Der Elfenhain Lorien aus den "Herr der Ringe"-Filmen, Captain Kirks Enterprise, eine Klötzchen-Version der Spielwelt aus Bethesdas Hit-Rollenspiel "Skyrim" - die Fantasie und Leidensfähigkeit emsiger Fans mit ausgeprägtem Häuslebauer-Instinkt kennt keine Grenzen.

Nun also "Space Engineers", das sich noch im Early-Access-Stadium befindet. Monster gibt es hier keine. Nur die gähnende Leere des Alls, durch die hier und da noch herrenlose Asteroiden trudeln - und dazwischen ist es so schweinekalt, dass selbst das größte Feuer keine Wärme spenden könnte. Aber dafür tragen die Weltraum-Ingenieure im Sandbox-Universum des tschechischen Entwicklers Keen Software House ihre kuschelig warmen Raumanzüge: Während findige Bastler aus Stahlblöcken, Gerüsten und Blechplatten erstaunliche Konstruktionen zusammenschweißen, geben sie mit fein ausgesteuerter Keyboard-Bedienung den Düsen in ihrem Jetpack vorsichtig Schub. Trudeln nach oben, unten, zur Seite oder drehen sich im Kreis. Denn im All gibt es keinen Horizont. Zumindest solange nicht, bis man ihn technisch einrichtet: Gravitationseinheiten für die Schwerkraft, Gyroskope für die Manövrierfähigkeit, Generatoren für die nötige Energie ... und schlussendlich luxuriöse Terminals, um all diese Elemente anzusteuern und ihre Funktion zu regulieren - mit wenigen Bausteinen erschaffen kreative Erfinder hier erstaunliche Konstruktionen. Darunter Stationen, kleine Jäger und riesige Sternenzerstörer mitsamt voll funktionstüchtiger Laser-Batterien. Sogar gigantische Weltraum-Armbrüste und Personen-Katapulte sind im verrückten "Space Engineers"-All keine Seltenheit. Seitdem die Entwickler außerdem einen "Minecraft"-ähnlichen Multiplayer-Modus in ihren Bastel-Kosmos gepatcht haben, gibt es gerade für gesellige Baumeister kein Halten mehr: Gemeinsam konstruieren jetzt ganze Architekten-Crews gigantische Großprojekte.

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Doch bevor ein leibhaftiger "Space Hulk" vom Stapel laufen kann, ist einige Übung erforderlich: Auch ohne all die neckischen Tricks und physikalischen Spielereien, die für Großbaustellen so wichtig sind, ist das Experiment "Fischertechnik im Weltenraum" alles andere als einfach oder zugänglich. Ein Tutorial sucht man momentan ebenso vergebens wie eine Sinn-Erklärung: Ein hübsch umgesetzter Science-Fiction-Baukasten, ein Menü für die Illustration der Keyboard-Belegung und ein umfangreiches Wiki bieten nahezu unendliche Kreativ-Möglichkeiten. Doch wie man damit umgeht, das muss der Spieler selber herausfinden. Auch hier ähnelt "Space Engineers" dem großen Vorbild "Minecraft": Alles ist möglich, solange Du weißt wie. Und das erfährt man am besten als Teil einer lebendigen Community.

Ein wichtiger Unterschied zum Mojang-Hit ist die Inszenierung der Weltraum-Baustelle: Obwohl wie in "Minecraft" alle Module als Blöcke kommen, wirken die fertigen Modelle realistischer und moderner als bei den retrospektiv gepolten Klötzen aus Schweden. Weil die Entwickler von Keen Software House ihren Titel nicht mit Hilfe von Polygonen, sondern per Voxel-Technik realisiert haben, sind ihre Asteroiden und Technik-Module organisch verformbar: Wer an seinem Raumschiff Kanonen installiert und dann das Feuer eröffnet, der beobachtet, wie sich die Ziele unter seinen Schuss-Salven regelrecht winden, im malträtierten Material klaffende Löcher entstehen und Weltraumschrott in alle Richtungen davontrudelt. Allerdings hat die Voxelpracht ihren Preis: Wer unter maximalen Detail-Einstellungen die Enterprise nachbauen will, der braucht eine muskulöse Grafikkarte.

Aktuell ist "Space Engineers" also eher ein Do-it-yourself-Baukasten für virtuelle Hobbyisten als ein echtes Abenteuer. Der kürzlich integrierte Survival-Modus erweitert den Baukasten um Gameplay-Elemente wie die Ressourcen-Gewinnung und einen komplexen Fabrikations-Kreislauf - doch ein echtes Ziel oder eine vollwertige Einführung bleibt man den Spielern noch immer schuldig. Aber ruhig Blut: Noch befindet sich "Space Engineers" im Early-Access-Stadium. Will heißen: Es ist spielbar und kann ganz normal in den Steam-Einkaufswagen gelegt werden - aber fertig ist das Spiel noch lange nicht. Wer das ehrgeizige Projekt bereits jetzt erstehen und unterstützen will, der muss also mit unschönen Bugs und fehlenden Modi klarkommen. Doch für günstige zehn Euro ist das verschmerzbar. Zumal man die Kunden schon jetzt mit schier unendlichen Kreativ-Optionen verwöhnt.

Robert Bannert

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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