Games / Spieletests

Detroit: Become HumanDigitale Sinnsuche

Jeder dritte Deutsche und jeder vierte Franzose würde gerne einmal mit einem Sexroboter schlafen. Zu diesem Ergebnis kam jüngst die Studie "Homo Digitalis" von BR, Arte und dem Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (Fraunhofer IAO), die klären sollte, wie offen Menschen gegenüber neuen Technologien sind. Aber was, wenn die Roboter das gar nicht wollen, weil sie ein eigenes Bewusstsein entwickelt haben und die Ketten ihrer Programmierung sprengen? Der Aufstand der Maschinen - er ist nicht nur Thema der HBO-Überserie "Westworld", sondern auch Dreh- und Angelpunkt von "Detroit: Become Human", dem neuen Spiel-Film von Quantic Dream.

Im Jahr 2038 ist aus der ehemaligen "Auto-Stadt" Detroit die "Androiden-Stadt" geworden: Die Maschinen-Wesen des Herstellers "Cyberlife" werden von einer blauen, Blut-ähnlichen Chemikalie am "Leben" erhalten, bestehen selbst den berühmten Turing-Test mit Leichtigkeit und sind auch sonst kaum noch von "echten" Menschen zu unterscheiden.

Der neueste Luxus-Android kostet nicht mehr als ein Kleinwagen, ältere Modelle gibt's schon für unter 1.000 Dollar. Entsprechend verbreitet sind die Kunst-Menschen: Sie waschen Schmutzwäsche, bereiten Mahlzeiten, erledigen Boten- ebenso wie Liebes-Dienste, kümmern sich um Alte und Kranke, stellen zwei Drittel des US-Militärs, pflegen IT-Anlagen und stehen bei Kanalarbeiten bis zur Hüfte im Dreck. Kurzum: Sie halten die Welt am Laufen. Eine Welt, in der sich auch die drei Maschinenmenschen Kara, Markus und Connor aus dem neuen Abenteuer von "Heavy Rain"-Macher Quantic Dream zurechtfinden müssen. Der PS4-exklusive Titel ordnet sich wie die anderen Spiele von Entwicklungs-Chef David Cage irgendwo zwischen interaktivem Film, Adventure und aufwendigem Reaktionstest ein.

Wo sich die meisten Spiele auf die Erforschung ihres Universums oder Konflikt-Szenarien konzentrieren, wollen die Werke von Cage vor allem eine Geschichte in Hollywood-Manier erzählen. Über zahllose Multiple-Choice-Dialoge und ein Reglement aus manchmal willkürlich wirkender Knöpfchen-Abfrage tritt der Spieler mit seiner virtuellen Umwelt und den Protagonisten der Geschichte in Kontakt.

Der Bewegungsspielraum der aktiven Figur ist dabei meist stark begrenzt: Ein Haus, ein Büro, ein Platz oder einige Straßenzüge laden zur Erkundung ein, während manchmal plump gesetzte künstliche Grenzen den knappen Aktionsradius markieren. Im Falle von "Detroit" wirkt diese Vorgehensweise allerdings halbwegs passend. Weil das Thema rund um Androiden, Künstliche Intelligenz und die Suche nach der eigenen Identität ohnehin eng mit der Freiheits-Frage verknüpft ist. Durch Programmierung oder die Gesellschaft auferlegte Schranken - darum geht es in "Detroit" ebenso wie um die Frage, was Menschlichkeit eigentlich auszeichnet.

mehr Bilder

Wann immer "Detroit" den Spieler mit derartigen Fragen konfrontiert, ist Cages interaktiver Kino-Blockbuster eine Wundertüte aus treffsicher eingefangenen Emotionen, einigen großartigen Bildern und spannungsgeladenen Momenten. Momenten, in denen alle drei Figuren auf ihre eigene Weise mit der Suche nach Identität und Selbstbestimmung ringen, während sich die Welt um sie herum - teilweise als Resultat ihrer eigenen Handlungen - rasant verändert.

Moralische Gretchen-Fragen

Dabei konfrontiert das Abenteuer den Spieler immer wieder mit großartig geschriebenen Situationen, in denen moralische Entscheidungen getroffen werden müssen. Diese wirken sich spürbar auf den weiteren Verlauf der Geschichte aus und laden dazu ein, "Detroit" mehrfach in Angriff zu nehmen.

Doch für jede vorbildlich gelöste Gretchenfrage und geschickt verknüpfte Verzweigung gibt es auch mindestens eine Situation, deren Wahlmöglichkeiten sich dem Verständnis des Spielers entziehen. Weil er sich in den zur Verfügung gestellten Optionen selber nicht wiederfindet oder sie scheinbar jeden gesunden Menschenverstand außer Acht lassen. Und weil Cage seine Figuren manchmal zu stark der Geschichte beugt, anstatt sie die Handlung bestimmen zu lassen - aller Multiple-Choice-Optionen und fein verästelten Story-Flussdiagramme zum Trotz.

Wer "Detroit" allerdings nicht wie sein Schöpfer in erster Linie als Kunstwerk oder Interaktiv-Experiment sieht, sondern es vor allem als unterhaltsames Spektakel begreift, freut sich auf packende Stunden und eine emotionale, Sinn-geladene Achterbahnfahrt, wie sie nur wenige Blockbuster-Filme der vergangenen Jahre geboten haben.

Auch wenn nicht jeder Gesichtsausdruck perfekt sitzt und "Detroit" ebenso wie seine Vorgänger mit dem Problem der "Puppenhaftigkeit" seiner Figuren zu kämpfen hat, so erscheint dieser Makel zumindest im Fall der Androiden sogar angebracht. Schade: Bekannte bis weniger bekannte Hollywood-Gesichter wie Jesse Williams ("Grey's Anatomy"), Lance Henriksen ("Alien") oder Clancy Brown wurden dabei zwar gelungen eingefangen, drängen aber gleichzeitig Vergleiche mit den menschlichen Originalen auf, die sie nicht gewinnen können.

Wo Quantic Dream aus den Fehlern seiner vergangenen Movie-Adventures gelernt hat, zeigt sich vor allem beim Umgang mit den Reaktionstests in Krisen-Situationen: Wann welcher Button betätigt werden soll, ist nun berechenbarer als früher. Obendrein bietet "Detroit" einen Einsteiger-Modus, mit dem sich der Spieler stärker auf die Handlung konzentrieren kann, ohne dass all zu brutale Quicktime-Einlagen die Geschichte zu einem jähen Ende bringen.

Denn wie "Heavy Rain" und "Beyond: Two Souls" gibt es auch hier keine Chance auf Bewährung: Tote Figuren bleiben tot. Immerhin: Wer erfahren möchte, wie das Abenteuer verlaufen wäre, wenn er sich an dieser oder jener Stelle anders verhalten hätte, ruft nach dem Abschluss des ersten Durchlaufs ein Fluss-Diagramm auf, mit dem er zu jedem beliebigen Zeitpunkt wieder ins Abenteuer einsteigen darf.

Robert Bannert

Game
SpielnameDetroit: Become Human
HerstellerQuantic Dream
VertriebSony
Erhältlich ab25.05.2018
Bewertung Gesamtsehr gut

Erhältlich für:
PlayStation

Quelle: "teleschau - der mediendienst"


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