Kino / Portraits

Monster sind auch nur Menschen

Jason Isaacs spielt eine Hauptrolle in der Komödie "The Death of Stalin" (Start: 29. März)

Ein schickes Hotel im Londoner Stadtviertel Soho: Jason Isaacs hat auf einem ausladenden Sofa Platz genommen, der 54-jährige Brite wirkt aufgeräumt und hoch konzentriert. Dabei ist der Anlass für das Gespräch eigentlich ein heiterer: Über die Komödie "The Death of Stalin" soll gesprochen werden, den vielleicht lustigsten Film des Jahres. In dem Werk von Regisseur Armando Iannucci spielt Jason Isaacs, der derzeit auch als Captain Lorca in der "Star Trek"-Serie "Discovery" durchs Weltall düst, den sowjetischen General Georgi Schukow. Nach dem Tod des Diktators Stalin kämpft er, zusammen mit einem illustren Kreis aus Familien- und Parteimitgliedern, um die Macht im Staate. Keine sympathische Rolle - aber das war Lucius Malfoy, den Isaacs in den "Harry Potter"-Filmen gespielt hat, ja auch nicht ...

teleschau: "The Death of Stalin" ist so absurd - man glaubt gar nicht, dass der Film auf wahren Begebenheiten basiert ...

Jason Isaacs: Die absurdesten Szenen des Films basieren auf Dingen, die wirklich passiert sind. Stalins Sohn hat tatsächlich ein Hockey-Team bei einem Flugzeugabsturz verloren. Ein gesamtes Team! Und auch die Szene, in der ein komplettes Orchester ein Konzert noch einmal spielen muss, weil sich Stalin, der die Musik im Radio verfolgt hat, eine Aufzeichnung wünscht - echt! Je lächerlicher die Dinge sind, desto näher sind sie dran an der Wahrheit.

teleschau: Gilt das auch für General Schukow, den Sie spielen?

Isaacs: Schukow hat den Zweiten Weltkrieg gewonnen. Und ginge es nach ihm, dann hat er das ganz allein geschafft. Er hatte die Idee, sich 175 Auszeichnungen an die Brust zu heften - was mehr über ihn aussagt als alle Geschichtsbücher zusammen. Aber er war auch der Einzige, der sich traute, Stalin und allen anderen gegenüber offen auszusprechen, was er dachte.

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teleschau: Der Film spielt im Jahr 1953, aber man fühlt sich immer wieder an den heutigen Wahnsinn in der Politik erinnert ...

Isaacs: Es gibt einen Grund, warum Armando Iannucci heute der beste Mann für politische Satire ist: Er trifft die Großspurigkeit und Egomanie aller Politiker perfekt. Als wir den Film drehten, wurde gerade über den Brexit abgestimmt, und die britische Regierung brach zusammen. Ich hatte einen Tag frei und fuhr nach Frankreich, zu den Feierlichkeiten des 100. Jahrestags der Schlacht an der Somme. Alle waren sie da: Angela Merkel, David Cameron, Armeevertreter. Ich hatte die Gelegenheit, mit David zu sprechen. Er fragte mich, an was ich gerade arbeiten würde, und ich erzählte ihm von "The Death of Stalin". Er antwortete: "Das klingt für mich wie Downing Street. Nur, dass es bei uns noch schlimmer ist!" Der Film hat eine zeitlose Botschaft: dass Egomanie, Brutalität und Engstirnigkeit zum Streben nach Macht gehören.

teleschau: Darf man sich denn über einen Massenmörder wie Stalin einfach so lustig machen?

Isaacs: Es gibt keine festen Regeln, was Comedy darf und was nicht. Auch die Osteuropäer, die den Film bislang gesehen haben, lieben ihn. Damals, als die Menschen Angst hatten, von Stalin mitten in der Nacht abgeholt und in den Gulag gebracht zu werden, teilten sie sich Witzbücher über Stalin. Satire war schon immer ein Weg, Terror zu begegnen.

teleschau: Gibt es rote Linien für Sie?

Isaacs: Die Frage ist immer: Macht man sich einfach nur über etwas lustig oder nutzt man Humor, um damit etwas zu sagen? Würde mir jemand vorschlagen, eine Komödie über Hitler zu drehen, wäre meine erste Reaktion: Das kann man nicht machen. Aber andererseits gibt es Filme wie "Frühling für Hitler", der das genau richtig gemacht hat. "Das Leben ist schön" fand ich hingegen beleidigend. Auf dem Rücken von Millionen ermordeter Menschen eine Geschichte von Erlösung durch Liebe zu erzählen, das ist nicht in Ordnung.

teleschau: Sie sind in England geboren und stammen aus einer osteuropäischen jüdischen Familie.

Isaacs: Ich will Hitler nicht verteidigen. Aber er war jemand, der Hunde liebte und sich vegetarisch ernährte. Und unter denjenigen, die den Massenmord organisierten, befanden sich auch klassisch ausgebildete Pianisten. Ich als Jude dachte als Kind, die Deutschen würden von einem anderen Planeten stammen, vom Planeten Böse. Tatsächlich habe ich heute aber viele deutsche Freunde. Als Erwachsener musste ich verstehen, dass Deutsche genauso Menschen sind, wie ich einer bin. Viele wurden damals, im Dritten Reich, Schritt für Schritt in Situationen gebracht, wo sie Entscheidungen treffen musste, die sich nicht getroffen hätten, wenn sie die Zukunft gekannt hätten. Wenn man versteht, wie so etwas passieren kann - wie sich Mitte der 90-er etwa der Balkankonflikt entwickeln konnte, wo Menschen, die zuvor noch Freunde waren, an "ethnischen Säuberungen" beteiligt waren - dann versteht man, dass jeder immer Rechtfertigungen für sein Handeln finden kann. Und dann weiß man auch, nach welchen Warnzeichen man Ausschau halten muss.

teleschau: Jeder ist zu allem fähig?

Isaacs: Ich glaube, dass keiner weiß, wozu er fähig ist. Wir können aber die Entwicklungen in der Gesellschaft beobachten oder die Äußerungen von Politikern, um rechtzeitig zu merken, wenn Gefahr droht. Ich würde aber nie mit dem Finger auf andere zeigen und behaupten, ich hätte damals Menschen auf meinem Dachboden versteckt oder mich dem Widerstand angeschlossen. So sind die meisten Menschen nicht.

teleschau: Sie klingen nicht gerade optimistisch ...

Isaacs: In diesem Film gibt es fast niemanden, den man sympathisch finden kann. Es sind alles Monster. Aber wir erkennen in ihnen menschliches Verhalten und unsere eigenen Unsicherheiten. Keiner denkt jemals, er sei im Unrecht. Trump versucht, einen Keil zu treiben zwischen die Rassen, sexuellen Orientierungen und Völker. Auf beiden Seiten glauben die Menschen, im Recht zu sein. Auch Schukow denkt, er macht das Richtige aus den richtigen Gründen, und alle anderen in dem Film glauben ebenfalls, ungerecht behandelt zu werden. Daher kommt der Witz des Films.

teleschau: Macht man solche Menschen nicht menschlicher, als sie es verdient hätten?

Isaacs: Nein. Es ist zu einfach, sich solche Menschen einfach nur als Monster vorzustellen. So lehnt man sie einfach nur ab, ohne bei ihnen nach Dingen von einem selbst zu suchen. Wenn man den Vorhang beiseite zieht und sich diese Menschen ansieht, die monströse Taten vollbracht haben, verstehen wir uns selber besser, lernen etwas über Konflikte und über Politik. Wenn man sich Filme wie "The Death of Stalin" ansieht, dann sieht man auch die Politik mit anderen Augen und glaubt Politikern weniger.

teleschau: Lucius Malfoy, den Sie in den "Harry Potter"-Filmen gespielt haben - ist das auch so ein Monster, in dem Gutes steckt?

Isaacs: Lucius Malfoy war ein Rassist, ein Befürworter von Euthanasie. Wenn man sich ihn aber genauer ansieht, dann entdeckt man einen Menschen, der Angst davor hatte, eines Tages unbedeutend zu werden und der sich an dem Glauben festhielt, dass die Vergangenheit besser war als die Zukunft. Er war verzweifelt auf der Suche nach Anerkennung von Voldemort, die er aber nicht bekam, weil seine Verzweiflung ihn abgestoßen hat. Malfoy hat seinen Sohn gemobbt, weil auch er solche Erfahrungen gemacht hat. Wenn man das Menschliche an einer solchen Person nicht sieht, distanziert man sich von ihr und sagt: Ich würde so etwas nie machen. In Wirklichkeit aber geht jeder von uns immer wieder an einem Obdachlosen vorbei, ohne den Menschen zu sehen, der da liegt. Wir kaufen alle Waren, die unter Bedingungen hergestellt wurden, die wir ablehnen. Ich zeige das Menschliche an solchen Figuren, um unsere eigene Scheinheiligkeit aufzudecken.

Sven Hauberg

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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