Kino / Portraits

"Man möchte nicht beruhigt werden"

Martina Gedeck spielt im Kino-Drama "Wir töten Stella" (Start: 18.1.) die Hauptrolle

Ausnahmeschauspielerin - eine Bezeichnung, die aus Verlegenheit leicht über die Lippen kommt. Eine, auf die sie hierzulande tatsächlich zutrifft, ist Martina Gedeck. Die mit zahllosen Preisen bedachte 56-Jährige gilt als Meisterin der tiefgreifenden Frauenrollen, als Drama-Charakterdarstellerin par excellence. Das beweist die gebürtige Münchnerin aktuell wieder als schweigend-unterdrückte Ehefrau in der beklemmenden Romanadaption "Wir töten Stella" (Kinostart: 18.1.). Festgelegt scheint Gedeck dabei nicht - gerade erst drehte sie eine schwarzhumorige Streamingserie ab. Ein offenes Gespräch über Rollenwahl, die Probleme des deutschen Fernsehens und die Folgen der MeToo-Debatte.

teleschau: Gerade haben Sie für TNT die Comedy-Serie "Arthurs Gesetz" abgedreht. Wächst der schauspielerische Anspruch in Zeiten intelligenter Serien für Film und Fernsehen eigentlich?

Gedeck: Die erzählerische Freiheit ist zur Zeit wunderbar. Man kann plötzlich die abstrusesten Dinge erzählen, die auch nicht politisch korrekt sind. Da werden die Fantasie und der Wunsch nach Außergewöhnlichem bedient.

teleschau: Glauben Sie, das Öffentlich-Rechtliche kann das nicht mehr leisten?

Gedeck: Es wird dort Wundervolles geschaffen, ich denke an die NSU-Filme oder "Operation Zucker". Aber es gibt eben auch viel Müll. Viele Sachen, die nicht mehr relevant sind. Es ist gut, dass das durch die Konkurrenz von außen belebt wird.

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teleschau: Apropos Müll: Erhalten Sie viele Rollenangebote, die Sie auch für gutes Geld nicht annehmen würden?

Gedeck: Ich bekomme immer noch Angebote, die viele Klischees bedienen; Dramaturgien, die bestimmten Schemata folgen. In denen aber nichts der Wirklichkeit entspricht - der ist gut, der böse, die arm und unterdrückt. Man möchte nicht beruhigt werden. Die Fernsehmacher glauben das oft immer noch. Wir wollen uns aber auch aktiv mit unserer Zeit und unseren gesellschaftlichen Realitäten beschäftigen. Das läuft dann hierzulande oft über den Krimi, gerade auch in den "Tatort" wird viel reingepackt - den man dann doch wieder terminiert, indem man weniger "Künstlerisches" will. Da gibt es schon noch starke Gegenkräfte.

teleschau: Warum scheint das gerade in Deutschland so zu sein?

Gedeck: Ich glaube, da sitzen noch viele Leute, die so denken. Das gibt es in der Politik ja genauso - da kommt einer von der CSU allein daher und stimmt für den weiteren Einsatz von Glyphosat. Das ist ungeheuerlich! Ich komme aus der Gegend - die Leute dort sind alle krank, bekommen Krebs. Daran sieht man, welche Kräfte noch immer am Werk sind, die mit unserer Zeit nichts mehr zu tun haben. Und das ist im Fernsehen und beim Film dasselbe. Es ist kein Wunder, dass die Leute das dann nicht mehr sehen wollen. Die jungen Leute haben keine Lust mehr, diese Art von Filmen zu sehen. Das wissen die Verantwortlichen ja auch.

teleschau: Muss da erst eine neue Generation kommen?

Gedeck: Es ist ein zweischneidiges Schwert. Es existiert ja auch viel Wissen und Know How; auch viele Leute, die sich sehr verdient gemacht haben mit guten Sachen. Es ist immer schön, wenn sich das mischt, und jemand mit viel Erfahrung sagt: Komm wir packen jetzt was Neues an. Das ist bei uns wichtig - und dazu gehört zum Beispiel auch die ganze aktuelle feministische Diskussion. Es wurde Zeit, dass das mal auf den Tisch kommt.

teleschau: Wie haben Sie die MeToo-Debatte wahrgenommen?

Gedeck: Mich hat die Vehemenz überrascht, mit der die Debatte stattfand. Erst diese Spitze des Eisbergs, und dann ziehen alle nach. Das zeigt ja auch "Wir töten Stella" - das sagt ja schon der Titel - die junge Frau, die missbraucht wird, sich das selbst als Affäre schönredet und am Ende tot ist. Damit zeigt der Roman und auch der Film in aller Radikalität, was passiert, wenn man die Augen zu macht; wenn man sagt: Naja, wird schon vorbeigehen, ist nicht so schlimm, gehört dazu, sie wird ohnehin solche Erfahrungen machen, besser jetzt als später - all diese Gründe, die man anführt. Das ist bei der Weinstein-Debatte ähnlich gewesen. In welchem Ausmaß das geschah, war mir nicht bewusst. Wer da alles engagiert wurde, dass die Betroffenen das Maul halten.

teleschau: Erlebten Sie persönlich ähnliche Situationen?

Gedeck: Ich habe diese Erfahrung nicht gemacht, und habe das in Deutschland in der Form auch nicht mitbekommen. Aber nehmen wir Klaus Kinski - der war mit Sicherheit so drauf, das kommt ja auch in der Biografie seiner Tochter raus. Im Nachhinein hat ihm das nicht geschadet, seinen Stern auf dem Boulevard hat er.

teleschau: Manche rechtfertigen das mit den Eigenheiten der Künstler ...

Gedeck: Das ist keine Genialität, das ist einfach pathologisch. In den 70er-Jahren konnte man das vielleicht ausleben. Die Männer waren zu dieser Zeit sehr machohaft unterwegs - das habe ich schon mitbekommen. Der Regisseur am Theater war der Gott; der hatte recht und fertig.

teleschau: Wie war das im Film und Fernsehen?

Gedeck: Es war einer der Gründe, dass ich mich vom Theater entfernte - mir ging das ziemlich auf den Keks. Diese Nabelschau war mir zu absolutistisch und hierarchisch. Das habe ich beim Film so nicht erlebt. Dort besitzt man als Schauspieler immerhin auch einen gewissen Machtbereich. Ich werde engagiert, weil Leute das wollen, was ich mache. Andererseits passe ich mich auch gern in ein Team ein, man kann sich die Schauspieler und Beteiligten ja vorher anschauen.

teleschau: Können Sie - wieder Stichwort MeToo - das künstlerische Schaffen einer Person von deren persönlichem Verhalten trennen? Würden Sie da professionelle Konsequenzen ziehen?

Gedeck: Wenn sich jemand bei der Arbeit als Arschloch entpuppt, kann man das nicht trennen. Wenn ich mit denen arbeite, bekomme ich ja mit, wenn das ein Arschloch ist. Entweder halte ich meinen Mund - oder sage: So nicht. Es gibt ja alle möglichen Formen von Gewalt. Wenn jemand seine Mitarbeiter vor versammelter Mannschaft zusammenscheißt, würde ich sagen: Das machst du nicht, solange ich dabei bin. Ich mag es etwa auch nicht, wenn Leute in meinem Beisein herummobben. Die einzige Möglichkeit dabei ist, Haltung zu zeigen, für die Leute in die Bresche zu springen.

teleschau: Was halten Sie von den Ansätzen, weibliches Empowerment auch künstlerisch in den Film-Charakteren zu fördern - man denke an so genannte "starke Frauenrollen"?

Gedeck: Über viele Jahre war es mir wichtig, die Verletzlichkeit des Menschen sichtbar zu machen. Zu zeigen, dass der Mensch nicht nur stark ist. Heldenfiguren haben für mich immer einen verlogenen Geruch, dagegen sträubt sich bei mir alles. Ein wenig erinnert mich das an das Dritte Reich, in dem auch gesagt wurde: Du musst stark, schön und gesund sein. Mir war es jahrelang ein Anliegen, aufzuzeigen, dass man auch ohnmächtig ist, verliert und scheitert. Das muss erlaubt sein. Andererseits muss man das angesichts der aktuellen Debatte neu bewerten: In "Gleißendes Glück" spiele ich etwa eine Frau, die von ihrem Mann geschlagen wird. Manche sagen: Das wollen wir nicht mehr sehen, dass sich eine Frau das bieten lässt.

teleschau: Es zeigt noch immer die Realität ...

Gedeck: Ja, das passiert noch, deshalb ist es gut, das zu zeigen. Damit wir sehen: Wir sind noch nicht so stark; es gibt viele Frauen, die zu ihren schlagenden Männern zurückkehren; die laufend Gewaltsituationen ausgeliefert sind. Wenn man einen solchen Kampf zeigt, der oft aussichtslos erscheint, macht man die Leute eben auch wütend. Das ist auch eine Möglichkeit, gesellschaftlich ein Bewusstsein zu kreieren. Klar gibt es auch die "Tribute von Panem" oder "Wonder Woman", in denen die Frau das Ruder übernimmt, sich aktiv zur Wehr setzt. Das sind ja schöne Geschichten. Aber die Realität ist eine andere.

teleschau: In "Wir töten Stella" geht es auch um eine schweigende Ehefrau, die die bürgerliche Fassade der Familie aufrechterhalten will. Die Romanvorlage stammt aus den 50er-Jahren, in denen derlei Verhältnisse Normalität waren. Wie verbreitet ist dieses weibliche Schweigen heute noch?

Gedeck: Es ist sicher nicht dieselbe Form. Aber dass man die Dinge nicht beim Namen nennt, dass man innerhalb einer Beziehung Dinge aussitzt - das gibt es noch viel. Als ich jung war, 20, 30, sagte ich auch alles, was ich dachte. Später sagt man dann auch mal nichts, weil man nicht streiten will. Es gibt auch Beziehungen, die unglücklich verlaufen, in denen man nach 10 oder 20 Jahren feststeckt. Andererseits will man das Geschaffene auch nicht verlieren. Das betrifft vor allem Leute um die 50.

teleschau: Es geht also vor allem um Besitzstandwahrung?

Gedeck: Wenn man eine bürgerliche Fassade hat, die man verlieren kann - erst dann kann man sich auch hinter ihr verstecken. Man muss erstmal in diesem Umfeld sein - dann setzt man das nicht unbedingt aufs Spiel. Meine Figur im Film schweigt ja auch, weil sie nicht die ganze Familie sprengen will. Regisseur Julian Pölsler sagte mir, dass er einige Frauen kenne, die genau das in ihrer Ehe erleben. Ich kenne auch einige, die in solchen Situationen sind. Leute, die in der Familie ein Doppelleben führen - das ist nichts, was den 50er-Jahren geschuldet ist.

Maximilian Haase

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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A 2017, R: Julian Pölsler, D: Martina Gedeck, Matthias Brandt, Mala Emde u.a.

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