Kino / Portraits

"Es ist Zeit, der Welt eine Pause von mir zu gönnen"

Michael Fassbender spielt in "Assassin's Creed" (Kinostart: 27. Dezember) die Hauptfigur - ohne jemals das Spiel gezockt zu haben

Zocken? Das ist nicht die Sache von Michael Fassbender (39). Trotzdem war der in Heidelberg geborene deutsch-irische Schauspieler vom Computerspiel "Assassin's Creed" derart angetan, dass er in der Verfilmung nicht nur die Hauptrolle übernahm, sondern den Film auch gleich mitproduzierte. Besonders faszinierend fand Fassbender, der auf der Leinwand scheinbar mühelos zwischen Blockbustern ("X-Men"-Reihe, "Prometheus") und Arthaus-Kino ("Slow West", "Frank", "Shame") wechselt, die Grundidee des Spiels: Alles, was die Menschen erleben, wird in der DNA gespeichert. Und es gibt Zeitreisen! Beim Interview in Berlin plauderte der sympathisch-bescheidene Hollywoodstar dann auch vergnügt und offen über seine eigenen Erinnerungen, einen Kindheitstraum und seinen Rückzug von der Leinwand.

teleschau: Welche genetischen Erinnerungen würden Sie eines Tages gerne Ihren Kindern weitergeben?

Michael Fassbender: Wahrscheinlich die Erinnerungen, die ich selbst von meinen Eltern und Großeltern mitbekommen habe. Ich finde es wichtig, dass man sich an das Leben erinnert, wie es in früheren Generationen war. Das Leben war früher viel härter als heute. Im Vergleich dazu sind wir heutzutage doch ziemlich verwöhnt.

teleschau: Was wissen Sie denn von der Zeit, in der Ihre Großeltern aufwuchsen?

Fassbender: In der Oma- und Opa-Generation musste man den Job machen, der einem zugewiesen wurde - wenn man überhaupt einen hatte. Lebensmittel waren kostbarer, weite Reisen keine Selbstverständlichkeit. Die Leute schrieben sich Briefe, weil sie sich jahrelang nicht sehen konnten. Deswegen sollten wir unsere Bequemlichkeiten nicht als gegeben betrachten, sondern ihnen eine gewisse Wertschätzung entgegenbringen.

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teleschau: Was wissen Sie über Ihre Familiengeschichte vor Ihren Großeltern?

Fassbender: Nicht viel, aber je näher ich dem Tod komme, umso mehr interessiere ich mich dafür (lacht).

teleschau: Welche Erinnerung ist Ihre liebste bislang?

Fassbender: Eine berufliche. Ich wollte unbedingt Schauspieler werden und habe mich verzweifelt um Rollen bemüht, um über die Runden zu kommen. Jedes noch so kleine Engagement aus der Anfangszeit meiner Karriere ist eine sehr gute Erinnerung.

teleschau: Warum war es so wichtig für Sie, Schauspieler zu werden?

Fassbender: Ich war als Teeanger in allem, was ich tat, sehr durchschnittlich. Schule inklusive. Als ich 17 Jahre alt war, wollte ich dann Musiker werden und übte auch wie verrückt auf meiner Gitarre, um Leadgitarrist in einer Heavy-Metal-Band zu werden. Dann kam ein Freund zum Jammen vorbei, und ich sah ein, dass es besser wäre, das Instrument an den Nagel zu hängen. Ich wusste einfach nicht, worin ich gut war und was ich tun wollte - bis an meiner Schule Theaterkurse angeboten wurden. Die gaben mir Halt und Sicherheit. Deswegen wollte ich unbedingt Schauspieler werden: einfach, um meiner selbst sicher zu sein.

teleschau: Was würden Sie ändern, wenn Sie wie in "Assassin's Creed" in Ihre eigene Vergangenheit reisen könnten?

Fassbender: Nichts. Ich glaube nicht, dass man seine eigene Vergangenheit ändern sollte. Alles passiert aus einem guten Grund. Auch wenn ich nicht immer die richtigen Entscheidungen getroffen habe, habe ich doch zumindest immer etwas mitgenommen.

teleschau: Sie sagten vor Kurzem, dass Sie gern Jesus Christus treffen würden, wenn Sie die Möglichkeit dazu bekämen. Warum gerade ihn?

Fassbender: Ganz einfach: Die Geschichte Jesu ist die erste Geschichte, die mich als Kind berührt hat. Ich wollte sogar mal Priester werden. Aber das war wirklich nur der Berufswunsch eines kleinen Jungen. Jedenfalls ist Jesus eine außergewöhnliche Persönlichkeit.

teleschau: Sind Sie sehr religiös?

Fassbender: Gar nicht, obwohl ich katholisch erzogen wurde. In die Kirche gehe ich nur an Weihnachten. Ich bin eher spirituell und glaube, dass unser Leben vom Mutterschoß an vorgezeichnet ist. Allerdings lebe ich nicht nach diesem Glauben, sondern erledige Dinge, die erledigt werden müssen, selbst, anstatt darauf zu warten, dass sich alles irgendwie von allein regelt.

teleschau: Glauben Sie, dass Wissenschaft die Religion unserer Zeit ist?

Fassbender: Könnte sein, auf jeden Fall ist die Mathematik eine von zwei universellen Sprachen. Die andere ist Musik. Ich gehe da aber ganz gelassen ran. Zu sagen, dass Technologie gut oder böse ist, das ist mir zu einfach gedacht. Technologie gibt es einfach, wir müssen uns darauf einstellen und in unser Leben integrieren.

teleschau: Bei "Assassin's Creed" arbeiteten Sie auch als Produzent: Wie sehr waren Sie in die Entstehung des Films involviert?

Fassbender: Ich war von Beginn an dabei, habe mit den Autoren gearbeitet, die Figuren mitentwickelt und an den Drehbuchfassungen gearbeitet. Dabei wusste ich nicht viel über das Spiel, als ich die Leute bei Ubisoft 2011 um ersten Mal traf. Alles was ich kannte, waren Reklametafeln und Werbespots.

teleschau: Kinoadaptionen von Computerspielen standen in der Vergangenheit unter keinem besonders guten Stern: Wie sehr hat Sie das in Ihrer Arbeit beeinflusst?

Fassbender: Solchen Sachen schenke ich nie Beachtung, ich erfuhr von diesem Fluch erst durch Journalisten. Außerdem ging ich das Projekt "Assassin's Creed" mit einer gewissen Portion Naivität an und war einfach von der Story des Spiels beeindruckt: genetische Erinnerungen, Zeitreisen, der ewige Konflikt zwischen Assassinen und Templern, der bis zum Garten Eden zurückgeht. Das fand ich cool, weil es herausfordern ist und eine perfekte Möglichkeit, das Publikum in fremde Welten zu entführen.

teleschau: Alle Schauspieler sagen immer, es gehe nur um die Story. Aber ist nicht auch besonders aufregend zu wissen, von Millionen Menschen in einem Blockbuster gesehen zu werden?

Fassbender: Ich würde lügen, wenn ich diesen Reiz negierte. Natürlich geht es immer auch um die Story, aber nicht nur. Ich mag den Unterhaltungsfaktor von großen Filmen und die Möglichkeit, mit kleineren Produktionen tiefgründigere Geschichten zu erzählen. Als ich um 2010 herum erste Angebote für große Filme bekam, musste ich mich entscheiden, ob ich das will. Ich hatte ja noch andere Pläne, gründete damals zum Beispiel eine Produktionsfirma. Die Blockbuster geben mir die Freiheit, kleine Filme wie "Frank" zu machen. Eine Hand wäscht die andere.

teleschau: Bei Ihrem Arbeitspensum: Was machen Sie eigentlich, um sich zu entspannen?

Fassbender: Mein Motorrad habe ich jedenfalls meinem Dad überlassen, weil ich überhaupt nicht mehr dazu kam, es zu fahren. Jetzt bin ich eher mit dem Surfen beschäftigt: Das mache ich seit vier Jahren, eher schlecht als recht. Aber wo immer es einen Strand gibt, versuche ich, die Wellen zu reiten. Außerdem liebe ich Autorennen! Das werde ich intensivieren, wenn ich mir jetzt eine Auszeit nehme. Ich habe zehn Filme hintereinander gemacht: Ich glaube, es ist Zeit, der Welt eine Pause von mir zu gönnen.

teleschau: Wie lange soll die dauern?

Fassbender: Mindestens sechs Monate, und es gibt kein Projekt, dass interessant genug wäre, um mich von diesem Plan abzubringen! Ich will meine Akkus nachladen und mich mal wieder um ein paar vernachlässigte persönliche Projekte kümmern.

Andreas Fischer

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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