Kino / Portraits

Die magische Mrs. Rowling

J.K. Rowling gibt mit "Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind" (Start: 17.11.) ihr Drehbuchdebüt

J.K. Rowling erinnert sich noch genau an den Moment im Jahre 1990, der ihr Leben veränderte: "Ich saß in einem Zug", erzählte sie einmal in einem Interview, "war 25 Jahre, und plötzlich kam mir diese Idee: 'Ein Junge, der nicht weiß, dass er ein Zauberer ist, besucht eine Zauberschule.'" Damals wusste die junge Joanne noch nicht, dass dieser Junge Harry Potter heißen und sein Name ein paar Jahre später weltweit bekannt sein würde. Wie auch ihrer: Inzwischen ist J.K. Rowling eine der erfolgreichsten Schriftstellerinnen aller Zeiten, Filmproduzentin, "einflussreichste Frau Großbritanniens 2010", mehrfache Buchpreisträgerin, Officer of the British Empire, reicher als die Queen - und seit Kurzem auch Drehbuchautorin. "Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind" kommt am 17. November in die Kinos.

Sie sei eben ein kleiner Kontrollfreak. Anders kann J.K. Rowling nicht erklären, warum sie jetzt, nach acht abgedrehten, immens erfolgreichen "Harry Potter"-Filmen, selbst das Skript für das Spin-Off "Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind" geschrieben hat. "Ich wusste, dass Warner Bros. Pläne für die 'Phantastischen Tierwesen' hat, darum dachte ich, ich lege ihnen mal meine Ideen dar", gestand die Britin in einem ihrer raren Interviews der Journalistin Laverne Lauren: "Und dann schrieb ich quasi unbeabsichtigt ein Drehbuch." Inzwischen hat sie so viel Material zusammen, dass ein Fünfteiler daraus wird.

Die 51-Jährige kann einfach nicht anders. Bereits mit sechs Jahren begann sie zu schreiben, "ein geniales Buch über ein Kaninchen mit dem Namen 'Rabbit'", wie sie auf ihrer Homepage ironisch reüssiert. Und wenn sich die kleine Joanne keine eigenen Geschichten ausdachte, verschlang sie die anderer. Eine Leseratte, wie sie im Buche steht - und wie sie später auch in ihren Büchern vorkommen sollte: Hermine, die blitzgescheite beste Freundin des Zauberlehrlings Harry Potter, sei gewissermaßen eine Karikatur ihres elfjährigen Ichs, enthüllte die Bestsellerautorin 1999 im Gespräch mit "Salon". "Wie Hermine war ich besessen davon, gute Noten zu schreiben. Damit wollte ich meine riesige Unsicherheit verbergen. Und ihre Tendenz, sich in die falschen Männer zu verlieben ... nun, auf diesem Gebiet habe ich auch meine Fehler gemacht."

Zu diesen Fehlern zählt Rowling wohl auch ihre erste Ehe mit einem portugiesischen Journalisten, den sie 1992 in Porto kennenlernte, wo sie als Englischlehrerin arbeitete. Nach einem Jahr "klaustrophobischer" Ehe floh die studierte Altertumswissenschaftlerin im Dezember 1993 zu ihrer Schwester nach Edinburgh; im Gepäck ihre sechs Monate alte Tochter Jessica und die ersten Kapitel von "Harry Potter und der Stein der Weisen". "Ich war so arm, wie man in Großbritannien sein kann, ohne obdachlos zu werden", beschrieb die spätere Millionärin diese schwere Zeit US-Talk-Legende Oprah Winfrey. Sie lebte von Sozialhilfe, kümmerte sich um ihr Kleinkind, arbeitete an ihrem Manuskript, wenn das Baby schlief, und hoffte, dass irgendjemand ihr Buch veröffentlichen würde.

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"Es erschien mir sehr unrealistisch, dass ich meinen Lebensunterhalt mit dem Schreiben von Kinderbüchern verdienen könnte", meint die Blondine rückblickend. "Ich wollte halbtags unterrichten und ein bisschen nebenher schreiben." Doch wenige Tage, nachdem "Harry Potter und der Stein der Weisen" 1997 in England veröffentlicht wurde, bot der US-Verlag Scholastic 100.000 Dollar für die amerikanischen Verlagsrechte am Erstling einer völlig unbekannten Autorin - eine Sensation. "Für Außenstehende muss das großartig ausgesehen haben. Aber ich war immer noch eine Alleinerziehende in ihrer kleinen Wohnung, die von der Situation völlig überfordert war", legte Rowling letztes Jahr im "Guardian" dar.

Die mediale Aufmerksamkeit, die sich mit den Verfilmungen ihrer "Potter"-Reihe noch potenzierte, traf die ehemalige Sozialhilfeempfängerin ebenso unvorbereitet wie der plötzliche Geldsegen: "Als Schriftstellerin denkst du nicht im Traum daran, dass jemand mit einem Teleobjektiv Bikinifotos von dir machen wollen würde", echauffierte sich J.K. Rowling 2010 im amerikanischen Fernsehen. Ã?ber 50-mal zog die Autorin bereits gegen Klatschzeitschriften vor Gericht, vor allem um die Privatsphäre ihrer Tochter Jessica und deren Halbgeschwister David (13) und Mackenzie (11) zu schützen, die Rowling in zweiter Ehe mit dem Arzt Neil Murray bekam. "Ich spreche gern über grundsätzliche Dinge, aber mein Familienleben ist tabu", kanzelte Mrs. Murray 2015 einen neugierigen Radiomoderator ab. "Falls meine Kinder später mal ihre Memoiren schreiben wollen, dürfen sie das gerne tun. Aber bis dahin schütze ich sie."

Interviews mit "Jo", wie sie von Freunden und Familie genannt wird, sind daher selten. Statt Journalistenfragen beantwortet sie lieber die ihrer Fans - höchstpersönlich bei Twitter. Geduldig gibt sie Auskunft in noch so nerdigen Detailfragen über Harry, Hermine und Co., über die erfolgreiche Krimireihe, die sie unter dem Pseudonym Robert Galbraith schreibt, und nun eben auch über ihren neuen Helden Newt Scamander und seine "Phantastischen Tierwesen". Sie versteht, warum es ihren Lesern so viel bedeutet, mit ihr in Kontakt zu treten: "Ich weiß noch, wie aufgeregt ich war, als ich mein Jugendidol Morrissey traf", verriet der Smiths-Fan im Gespräch mit Laverne Lauren: "Ich hielt minutenlang noch die Hand ausgestreckt, die er geschüttelt hatte." Mit über 40, wohlgemerkt.

Doch auch die Dinge, die ihr persönlich wichtig sind, macht J.K. Rowling bei Twitter zum Thema: Die Arbeit ihrer Stiftung Lumos etwa, die sich für benachteiligte Kinder in aller Welt einsetzt, oder aber ihren Standpunkt in heiklen politischen Fragen. Rigeros lehnte die Wahlschottin die Abspaltung des Landes von Großbritannien ab, ebenso den Brexit und die Parolen des nunmehr designierten US-Präsidenten Donald Trump. Die Aufmerksamkeit der Trolle ist "@jk_rowling" damit sicher. Trolle nicht im Sinne der großen, tumben Grobiane, wie sie Harry Potter oder Newt Scamander in ihren Abenteuern begegnen. Sondern im Sinne von frustrierten, feigen Internetnutzern, die im Schutze der Anonymität beleidigen, drohen und Hass verbreiten.

Im Gegensatz zu ihren berühmtesten Romanfiguren besitzt J.K. Rowling keinen Zauberstab, mit dem sie ihren Trollen Einhalt gebieten kann. Stattdessen weist sie sie öffentlich mit cleveren, meist herrlich ironischen Antworten in die Schranken. Tag für Tag, weil es vielleicht eben doch einen Unterschied macht. "Wir brauchen keine Magie, um die Welt zu verändern, die Kraft, die wir dazu brauchen, tragen wir bereits in uns ", gab sie 2008 in einer Rede jungen Harvard-Studenten auf den Weg mit: "Wir haben die Kraft, uns eine bessere Welt vorzustellen."

Annekatrin Liebisch

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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