Kino / Portraits

Der Meister der Gegensätze

Tom Cruise spielt die Hauptrolle in "Jack Reacher 2: Kein Weg zurück" (ab 10. November)

Angesichts ihres sich ständig neu erfindenden Spektakels benötigt die Filmwelt Hollywoods angeblich unveränderliche Gewissheiten: Dass man etwa Bill Murray als kauzigen Sympathen einfach mögen muss, ist eine davon. Dass man Republikaner-Arnie als kultigen Actionstar verehrt, eine andere. Ebenso verbreitet scheint die Ansicht, Tom Cruise sei nichts als ein erfolgreicher Spinner mit ewiggleichem Gesichtsausdruck. Der 54-Jährige, der sich in "Jack Reacher 2: Kein Weg zurück" auf seine Actionwurzeln besinnt, macht es Verächtern einfach: Dauergrinsen gepaart mit propagiertem Scientology-Unsinn lassen leicht hassen. Beeindrucken lässt sich Cruise davon nicht: Nach wie vor stürmt das Publikum in seine Filme, Kollegen mögen ihn, immer öfter überzeugt er gar die Kritiker. Ein nur scheinbarer Widerspruch - schließlich spiegelt der streitbare Superstar lediglich das System Hollywood.

"Kein Weg zurück" lautet der deutsche Untertitel des aktuellen Cruise-Actionkrachers. Symbolisch könnte er auch für die Karriere des gebürtigen New Yorkers stehen - ein Zurück gibt es für den viel geliebten und später viel verachteten Schauspieler nach 30 Jahren im Rampenlicht nicht mehr. Braucht es auch nicht: Als ehemaliges Sexsymbol der 80er-Jahre, das in den 90-ern zum Inbegriff des Superstars mit Promi-Ehe geriet und schließlich zum unverbesserlichen Sekten-Apologeten der Nullerjahre avancierte, kann Cruise sich heute beruhigt wahlweise in seinem Scientology- oder Produzenten-Sessel zurücklehnen. All die Skandälchen und Affären, all die fragwürdigen Aussagen und Goldenen Himbeeren überstand er, abgesehen von kleinen Knicks, schadlos. Im Grunde, könnte er sich denken, mochte man ihn immer. Und im Grunde, müsste man zugeben, hätte er damit Recht.

"Mein Leben war sehr interessant", drückte es Cruise in einem Interview mit "Daily News" schon 2004 selbst aus: "Man geht mit den Komplexitäten um. Ich übernehme Verantwortung als Vater, Produzent, Schauspieler - und genieße das." Tatsächlich darf man dem dreifach Oscarnominierten abseits aller Vorurteile zugestehen, für seinen Ruhm einiges auf sich genommen zu haben: Die meisten Stunts, beispielsweise in seinen größten Erfolge "Top Gun" (1986) und "Mission: Impossible" (1996), drehte der passionierte Pilot selbst; für seine Charakterrollen in anspruchsvolleren Werken wie "Rain Man" (1988), "Geboren am 4. Juli" (1989) und "Magnolia" (1999) zollt man ihm verdientermaßen heute noch Respekt. Cruises Leidenschaft am Set beeindruckt auch die Kollegen nachhaltig: "Irre" nannte Alec Baldwin das, was Cruise leiste, um ein Kinoticket wert zu sein. "Ich lerne leidenschaftlich gern, ich lebe leidenschaftlich gern", lobte sich Cruise im "Today"-Magazin, und im "Playboy": "Ich bin ein Alles-oder-nichts-Typ" - ausgelutschte Klischeesätze, die aus seinem Mund jedoch glaubwürdiger nicht klingen könnten.

Eitel oder abgehoben wirkt der dreifache Vater keineswegs, vielmehr bezeichnet man ihn in der Filmbranche oft als bodenständig, kontaktfreudig, freundlich. Selfies mit Fans stimmt der Superstar anscheinend problemlos zu, bei Drehs begrüßt er angeblich Kabelträger mit Handschlag und bringt den Garderobenmitarbeitern Kaffee vorbei, wie Regisseur Werner Herzog einst zu berichten wusste. Überhaupt gibt der einstige "Sexiest Man Alive" und noch immer viertbestverdienende Schauspieler den Grundsympathen und Charmeur: Cruise geht mit den Kollegen Karaoke singen, mag die "Simpsons" und Wrestling, wählt Hillary Clinton und sagt Dinge wie: "Ich möchte eine Welt ohne Krieg, eine Welt ohne Wahnsinn. Ich möchte, dass es den Leuten gut geht." Tom Cruise, so scheint es, ist aus ganzem Herzen ein guter Mensch. Einer mit allzumenschlichen Fehlern.

mehr Bilder

Tatsächlich verkörpert Cruise die Widersprüchlichkeiten, die Ambivalenzen Hollywoods wie kaum ein anderer. Im Kern bedeutet das: Dem Wahnsinn, den er sich aus der Welt wünscht, scheint er zugleich verfallen. Mit einer vermeintlich harmlosen Celebrity-Kitsch-Aussage wie "Wir können Frieden bringen und Kulturen vereinen" meint er in einem Scientology-Video die Sektengemeinschaft. Es sei eine "wundervolle Religion", die ihm "im Leben unglaublich geholfen" habe, verkündete Cruise erst kürzlich in einem Interview zum "Jack Reacher"-Sequel. Derlei wirre Schlussfolgerungen spiegeln sich in seiner Laufbahn: Im selben Jahr, in dem er in "Top Gun" als US-Pilot patriotischen Pathos durch technische Überlegenheit zelebrierte und damit seinen Durchbruch feierte, trat Cruise auf Vermittlung seiner damaligen Frau Mimi Rogers der berüchtigten Sekte bei. 30 Jahre Actionheld und 30 Jahre Anhänger von Hubbards "Dianetik" - beide diesjährigen Jubiläen gehen beim Meister der Gegensätze problemlos zusammen.

Zwischendurch galt Cruise als eine Art Anführer bei Scientology, Guido Knopp verglich seine Position dort gar mit jener von Joseph Goebbels im Dritten Reich. Die überzogene Analogie trifft einen Punkt: Als Propaganda-Verbreiter für noch so fragwürdige Positionen fungierte Cruise gern, bezeichnete etwa Psychiatrie als Pseudowissenschaft und kritisierte 2006 Brooke Shields für ihr Buch über Antidepressiva. Auch die Versuche, über seinen Promistatus Einfluss zu nehmen, wirken skurril angesichts des sensiblen Wesens, das bisweilen in den Kindheits-Erinnerungen des aus armen Verhältnissen stammenden Stars aufblitzt: "Da ich an so vielen verschiedenen Orten aufwuchs, gewöhnte ich mich schnell an Gerüchte über mich - ich hatte die falschen Schuhe, die falsche Kleidung, den falschen Akzent", sagte er 2004 im Gespräch mit dem "Indianapolis Star". Über seinen Vater gab er im "Parade Magazine" eindrücklich preis: "Er war ein Tyrann und ein Feigling. Wenn ich etwas falsch machte, trat er mich. Das war eine Lehrstunde fürs Leben: Er lullte mich ein, ließ mich sicher fühlen und dann: Bang!"

Dass sich das Einlullen von Seiten des Vaters und jenes der Scientology Church ebenso ähneln wie beider unerwartete, folgenschwere Gewalt: eine fast erwartbare Parallele, ein Fest für Psychologen. Für Cruise scheint es notwendige Voraussetzung für die Widersprüchlichkeiten, die seine Karriere und sein Privatleben durchziehen: Als netter empathischer Typ, der einer ausbeuterischen Sekte angehört. Als cooler Ehemann von Nicole Kidman, der drei Jahre nach der Scheidung peinlicherweise in der US-Talkshow "Oprah Winfrey" öffentlich die Liebe zu seiner späteren Gattin Katie Holmes verkündete. Als dauergrinsender Klischee-Darsteller einer Hollywood-Maske, der jedoch bei den Spielbergs, Stones und Scorseses dieser Welt gefragt ist und zuletzt mit Produktionen wie "Edge of Tomorrow" (2014) selbst von ärgsten Kritikern wieder Lob einheimste.

An diesem Oszillieren zwischen Wahn und Wahrheit, zwischen Talent und Trash, zwischen Sympath und Starschnitt lassen sich essenzielle Erkenntnisse über das klassische System und Wesen Hollywoods ablesen, das sich mit dem Aufkommen der jüngeren Generation langsam gen Ende neigt. Abseits von Hass und Verehrung trifft in diesem Sinne eines zu: Tom Cruise ist der mustergültige Prototyp einer aussterbenden Spezies, die Hollywood lange regierte.

Maximilian Haase

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

Versenden Drucken

Weitere Artikel


Film-Starts

Film-Archiv

Suchen Sie im Radio Bonn/Rhein-Sieg Film-Archiv anhand eines Titels oder eines Darstellers nach Filmkritiken.

  
DVD-Filme

Erfahren Sie mehr über die neu erschienenen DVDs in den aktuellen Besprechungen.

Anzeige
Zur Startseite