Kino / Portraits

Schon immer ein Superheld

Benedict Cumberbatch spielt die Hauptrolle in "Doctor Strange" (ab 27.10.)

Der britische Schauspieler Benedict Cumberbatch zieht spätestens seit er die Titelrolle der BBC-Serie "Sherlock" übernahm, weltweit die Massen in seinen Bann. Unzählige Filmpreise und nicht zuletzt eine Nominierung für den Oscar als bester Hauptdarsteller für seine Leistung in "The Imitation Game" (2015) dokumentieren den Erfolgsweg des 40-Jährigen. Mit der Titelrolle in "Doctor Strange" taucht er nun ab 27. Oktober ins Marvel-Universum ein und ergänzt dieses gleichzeitig um eine - im wahrsten Sinne des Wortes - neue Dimension. Im Interview erklärt Cumberbatch, wieso seine Figur so besonders ist, schwärmt in buntesten Farben von einer Kollegin und ärgert sich, wenn sein Spiel auf die für seine Figuren Sherlock und Doctor Strange charakteristische Arroganz reduziert wird.

teleschau: "Doctor Strange" öffnet das Marvel-Universum für das Mystische und Magische. Welchen Zauber würden Sie gerne beherrschen?

Benedict Cumberbatch: Ich würde mir gerne ein Dimensionen-Tor erzaubern, mit dem ich schnell zu meiner Familie kommen kann. Oder wenigstens schneller, als es sonst möglich ist. Etwas, das es mir ermöglicht, den Verkehr zu überwinden.

teleschau: Sie erwähnen die Familie: Seit einem Jahr sind Sie Vater, ein zweites Kind ist auf dem Weg. Wie hat das Ihr Leben verändert?

Cumberbatch: Das hat mein Leben drastisch, aber auf wunderschöne Weise verändert. Kinder sind ein Geschenk. Als Schauspieler bin ich in der glücklichen Lage, mir die Zeit für meine Familie und mein Kind nehmen zu können. Gleichzeitig bin ich glücklich über deren Unterstützung.

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teleschau: Ihr Doctor Strange ist ein gebildeter und anerkannter Arzt, der nach einem Unfall plötzlich feststellen muss, dass da noch etwas existiert, das über die Welt, wie er sie bisher kannte, hinausgeht. Glauben Sie persönlich, dass da irgendwo etwas anderes ist?

Cumberbatch: Ja, was auch immer das ist. Das, was wir mit unseren Sinnen in unserem Leben wahrnehmen, ist phänomenal und mysteriös. Auch Wissenschaft trägt für mich etwas Mystisches in sich, genau wie Schönheit. Für Menschen wie mich, die keine Wissenschaftler sind, ist dieser Bereich, für den sich keine Antworten finden lassen, etwas Besonderes. Man hinterfragt doch Dinge, die man nicht offensichtlich mit seinen Sinnen wahrnehmen kann. Einiges lässt sich mit Experimenten beweisen, denke ich. Aber was sind die Grenzen der Relativitätstheorie? Alle Erkenntnisse der Physik sind außergewöhnlich. Für mich ist das Magie!

teleschau: Was ziehen Sie für sich selbst daraus?

Cumberbatch: Ich als Individuum glaube daran, dass unser Verstand ein großartiges Werkzeug ist. Wir können ihn zum Beispiel zur Meditation nutzen. Er gibt uns so viele Möglichkeiten an die Hand, aus dem, was uns umgibt, auszubrechen. Das bringt dir Ruhe in einer so bewegten und aufgewühlten Welt. Wir kommen dann mit viel mehr Geduld und Mitgefühl zurück in diese Welt und sind viel achtsamer. All das ist sehr mächtig. Das hat noch nichts mit Spiritualität oder Religion zu tun, nur mit mir und wie ich meditiere.

teleschau: In welchen Situationen meditieren Sie?

Cumberbatch: Auf Flügen, zwischen Interviews und oft bei der Arbeit. Während der Dreharbeiten zu "Doctor Strange" kam ein Freund von Tilda Swinton, ein tibetanischer Mönch, zum Set, um uns zu besuchen. Er wollte die Welt kennenlernen, die der Film repräsentiert. Meditation half mir, mich zu konzentrieren und Kraft für den Tag zu tanken. Half dabei, Ablenkungen zu überwinden, die mich daran hindern, in eine Rolle zu schlüpfen. Du musst immer genau den Moment spielen, gleichzeitig leidenschaftlich wie geduldig. Da gibt es viel, das nicht da ist und man sich vorstellen muss.

teleschau: Was interessiert Sie besonders an Doctor Strange?

Cumberbatch: Für mich war es diese sich verändernde Moralvorstellung. Er kommt aus dieser Welt, die er sich erarbeitet hat, in der er nun arrogant und egoistisch als Top-Arzt wirkt. Alles dreht sich um ihn. Seine Fähigkeiten im Job erlauben ihm ein Leben im goldenen Käfig - aber sein Käfig ist leer. Sein tolles Appartement ist ebenso leer, wie sein Auto im Moment des Unfalls. Da sitzt niemand neben ihm auf dem Beifahrersitz. Seine Reise, die aus ihm den Typen macht, der er am Ende der Geschichte ist, ist lang. Die beiden starken Frauen der Geschichte, die von Rachel McAdams gespielte Ärztin Christine und Tilda Swintons "Älteste", machen ihn dazu.

teleschau: Und was am Spielerischen reizte Sie?

Cumberbatch: Das ist ein Actionfilm, ich darf all diese Stunts spielen, dieses Kung Fu und diese Magie-Moves machen. Es gab da unglaubliche Finger- und Handchoreografien und all die anderen Special Effects, das habe ich so noch nie erlebt. Man ist nicht bloß der Hauptdarsteller, sondern wird zum All-American-Hero. Aber am Ende haben mich vor allem die Story und diese Rolle angetrieben. Er scheitert und probiert es aufs Neue, scheitert und gibt nicht auf. Irgendwann hat er genug gelitten. Er verdient es, ein neuer Superheld der Avengers zu sein.

teleschau: Sie erwähnen die Arroganz von Dr. Strange als Arzt. Ein Artikel, der sich mit dem Geheimnis Ihres Erfolges auseinandersetzt, sieht in Ihrer Fähigkeit, Arroganz zu spielen, Ihre große Gabe. Wie sehen Sie das?

Cumberbatch: Ich muss ja damit übereinstimmen, sonst könnte ich als arrogant gelten. Aber nein, mich deprimiert es, wenn jemand glaubt, ich sei auf eine Fähigkeit zu reduzieren. Von daher bin ich mit der Perspektive nicht einverstanden und würde eher sagen, dass der Autor des Beitrags sehr faul sein muss. Wer meine Rollen betrachtet, kann das nicht ernst meinen. Er kann nur von Sherlock und Dr. Strange sprechen. Ich habe Hawking gespielt, der offen war, Meinungen zu akzeptieren und van Gogh, der ignoriert wurde und durchdrehte, weil niemand eine passende Diagnose stellen und ihn heilen konnte. Hamlet! Meine Figuren lernen aus ihren Fehlern, sie kennen die Abstürze im Leben. Ich würde mein Schaffen nicht gerne auf eine Fähigkeit reduziert wissen.

teleschau: Wollten Sie eigentlich Ihren Eltern, die beide Schauspieler sind, nacheifern und deshalb Schauspieler werden?

Cumberbatch: Sie waren sehr unterstützend und haben mir unterschiedliche Wege offengelassen. Ich hätte Arzt, Anwalt, Künstler oder Lehrer werden können. Sie hätten mich nie in eine Richtung gedrängt, übrigens ebenso wenig wie in die eigene. Sie haben mich einfach wachsen lassen. Das ist vermutlich genau das, was man mit einem Kind machen muss. Ich weiß, wie glücklich ich darüber sein kann. Ich hatte viele Privilegien und Möglichkeiten und musste nur etwas daraus machen. Das hat mir geholfen, unterschiedliche Stufen zu erklimmen - und nicht nur die, Arroganz spielen zu können, hoffe ich. Nur auf eine Fähigkeit reduziert zu werden, ärgert mich. Ich bin 40 Jahre alt und habe so viele unterschiedliche Rollen gespielt. Es kann nicht nur daran liegen, dass ich gut arrogante Typen darstelle.

teleschau: Sie führen in der Hauptrolle ein großartiges Ensemble an. Gab es jemanden, auf den Sie sich besonders gefreut haben?

Cumberbatch: Tilda Swinton! Aber ich hebe ungern jemanden hervor. Ich bewundere Rachel McAdams und liebe es, mit ihr zu arbeiten. Sie ist so großzügig und präzise. Es ist toll, in ihrer Nähe zu sein. Mit Chiwetel Ejiofor habe ich schon vorher gearbeitet, er ist ein großer Könner. Benedict Wong und ich sind Freunde, wir wollten schon immer zusammen arbeiten. Aber Tilda ist so einzigartig, eine Ikone. Sie ist nicht in Kategorien zu packen. Die Rollen, die sie bisher spielte, sind großartig. Wie sie ihr Leben lebt, ist fantastisch. Sie hat hübsche, wundervolle Kinder, die solch tolle Menschen sind. Darin spiegeln sich ja die Eltern. Sie ist für die Ewigkeit. Sie spielt junge Menschen wie alte. Sie ist anmutig und so entspannt und doch physisch so präzise.

Denis Demmerle

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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