Musik / Backstage

Wer zuletzt lacht ...

Kollegah und Farid Bang rechnen auf "Platin war gestern" mit allen ab

Der Skandal war kalkuliert. Das zumindest behauptete Kollegah kürzlich auf die Frage, ob die Echo-Affäre denn ein Werbegag gewesen sei. Die Vermarktung des Trubels um den Rapper und seinen Kollegen Farid Bang bei der diesjährigen - dank des Duos vorerst letzten - Verleihung des Musikpreises spricht dafür. Auschwitz-Besuch, Rausschmiss beim Label BMG - und dann die Ankündigung: "Jetzt erst recht. Wir machen noch mal ein Killer-Album als krönenden Abschluss der ganzen Ära." Jenes erschien nun bei Kollegahs und Farid Bangs eigenen Labels Alpha Music und Banger Musik, kaum beworben, unter dem Titel "Platin war gestern". Die Sonderedition enthält T-Shirts und Fotobuch, außerdem das umstrittene Vorgängeralbum "Jung, Brutal, Gutaussehend 3". Die neuen Songs sind, wie erwartet, eine abermals brutal inszenierte Abrechnung mit all den Campinos und Feuilletonisten, die den Rappern genau jene menschenverachtenden, frauenfeindlichen und gewaltverherrlichenden Texte vorgeworfen hatten, mit denen sie sich nun ihre Kritiker vorknöpfen.

Aus Fehlern, das weiß fast jeder, kann man lernen. Was aber, wenn der Fehler gar kein Fehler war, zumindest nicht in der eigenen Wahrnehmung? Was, wenn der Fehler einem nur von außen gebetsmühlenartig vorgehalten wurde und man selbst nichts Verwerfliches an seinem Tun fand? Dann, so machen es Farid Bang und Kollegah nun vor, lernt man aus dem Fehler höchstens, wie hübsch kalkulierte Skandale die Aufmerksamkeitsökonomie antreiben. Mehr noch, man macht, nach einigen Zugeständnissen hie und da, einfach so weiter wie bisher.

Und das umstrittene Rap-Duo setzt noch einen drauf: "Platin war gestern" perfektioniert auf seinen 15 Tracks eine "überwiegend zusammenhanglose Aneinanderreihung vulgärer, menschen- und frauenverachtender Gewalt- und Sexphantasien in Reimform", die "ersichtlich geleitet von dem Bestreben sind, die typischen Merkmale der Musikrichtung des Gangsta-Rap bestmöglich zu erfüllen": So jedenfalls drückte es das Gericht aus, das die Strafanzeigen, die gegen das Duo wegen Volksverhetzung gestellt wurden, mit dieser Begründung zurückwies.

Schon im Vorfeld der Echo-Preisverleihung hatte die Nominierung der beiden Rapper für Kritik gesorgt. Die tatsächliche Auszeichnung von Farid Bang und Kollegah, ihr Live-Auftritt sowie die damit einhergehende Beschäftigung mit den Lyrics sorgten dann für den Eklat. Besonders die Zeile "Mein Körper definierter als von Auschwitz-Insassen" hatte den Ausschlag für eine selten gesehene Debatte gegeben, in deren Folge Künstler ihre Echos zurückgaben und der Musikpreis in seiner bisherigen Form sogar komplett abgeschafft wurde.

Ohne Reue nehmen die beiden Rapper, die im Juni überraschenderweise sogar die KZ-Gedenkstätte Auschwitz besucht hatten, auf "Platin war gestern" die gesamte Affäre - und ihre Gegner im Mainstream - genüsslich auseinander. "Der Körper klar definiert, im Gegensatz zu eurem Verständnis von Künstlerfreiheit", heißt es etwa im ersten Song "All Eyez On Us", in Anspielung auf den Text des Anstoßes und die Debatte um das, was eigentlich sagbar ist.

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Was folgt, sind Hasstiraden in Richtung aller Kritiker, vor allem auf die Journalisten hat man sich eingeschossen: "Sie wollten uns mundtot machen, sie fordern den Echo-Verweis", wird geklagt, "Nackenschellen für Journalisten" werden gefordert. "Eure Hetzkampagnen stützen sich auf nichts wie euer Knochenmark / Denn ihr seid rückgratlose Bitches", giftet das Duo weiter und droht: "Ihr Schreibtischrambos bräuchtet dringend mal 'ne Boss-Transformation".

Ein wenig, so scheint es, hat man sich aber auch mit dem Verhältnis Medien-Kulturindustrie auseinandergesetzt: "Egal, mein Rap bleibt menschenverachtend, aber nicht so menschenverachtend wie die DSDS-Staffeln" und "Denn nur Schrott kommt aus dem Fernsehen / Wie die Schlampe in 'The Ring", stellen sie im Song "Vanderlei Silva" fest - nicht zu Unrecht schwingt hier eine Kritik an medialer Doppelmoral mit.

Doch trotz aller demonstrativen Lässigkeit: Der Echo-Stachel, er sitzt bei Kollegah und Farid Bang tief. Zum Album-Release tauchte passend dazu im Netz ein Video auf, in dem sie ihren Preis von einem Dach werfen. "Beim Echo wollten sie, dass ich bald hinter Gittern reime / 60-Jährige wollen uns abschieben Bitch / Und hören erst auf, wenn zwischen uns ein Knastriegel ist", heißt es im Song "Nuklearer Winter", und: "Am Tag nachdem beim Echo Millionäre Buh rufen / Traf ich meine Brüder, die mir in den Spielotheken zujubeln". Der Track rechnet auch mit Campino von den Toten Hosen ab, der die Rapper beim Echo als einziger offen kritisiert hatte: "Düsseldorfer Sprücheklopfer, ich bleib Ghetto-Prolet." "Scheiß drauf was die Masse denkt / Ich gebe keinen Fick auf die Artikel", tönen die Rapper dann wenig überzeugend im Abschluss-Track "In die Unendlichkeit".

Selbiger Song bietet gar eine Art vollständiger Interpretation des Echo-Skandals aus Sicht des Duos: "Ihr könnt kommen, meinte das Echo-Jury-Team / Doch haltet den Ball dafür flach", berichten sie wütend. Doch dann die Ernüchterung: "Die Weste nicht weiß, die Welt unser Feind / Sie wollten uns brechen und bekämpften den Hype." Kollegah und Farid Bang schließen daraus: "Was kommt dabei heraus: Wir machen Welle wie nur sonstwas / Denn Prinzipien sind wichtiger als Stellen vor dem Komma"; anderswo auf dem Album heißt es: "Ihr beeinflusst mit eurer Pisse nur den Erfolg."

Das Verrückte ist: Farid Bang und Kollegah haben mit dieser Einschätzung sogar recht. Natürlich besitzt das Duo mit Blick auf den bürgerlichen Mediendschungel derzeit nicht gerade einen guten Leumund. Doch genau jene Art von kollektiver moralischer Aufregung, die seit dem Echo-Skandal Wellen schlug, fütterte zugleich das Ansehen bei vielen Kids und in Teilen einer Szene, für die Frauenverachtung, Mackergehabe und eben auch antisemitische Tendenzen zum guten Ton gehören.

Und so klingt das dann auch auf "Platin war gestern": Textzeilen wie "Ich brech dir Rippen raus und schlag dir damit voll in deine Fresse / Du bist schwach und kein Mann" und "JBG heißt zuschlagen bis du kapierst" feiern das, was man heutzutage wohl toxischen Maskulinismus nennt; hinzukommen Beträge zur MeToo-Debatte wie "Wir ficken diese Schauspieler / Wie Harvey Weinstein" und "Die Bitch, die heute in meinem Cabrio blowt / Hat südländischen Touch wie die Nafris vom Dom".

Hört man sich die vermeintlich letzte gemeinsame Platte von Kollegah und Farid Bang so an, dann scheint es fast zwingend logisch: Vom Ursprungs-Album mit seinen kritischen Lyrics über den skandalösen Echo-Auftritt, die anschließende Debatte, die Abschaffung des Musikpreises, den Rauswurf beim großen Label bis hin zu den neuen Songs - alles ein wohlkalkulierter Marketing-Schachzug. Sollte es so gewesen sein, dann müsste man, wäre man Zyniker, Farid Bang, Kollegah und ihrem Management zu dieser Vorführung der deutschen Kultur- und Medienindustrie fast gratulieren. Am Ende, das ist die vielleicht einzige Erkenntnis des Albums, bleibt festzustellen, dass auch Farid Bang und Kollegah nicht nur von den Jungs Unterstützung brauchen: "Ich zerficke das Land von oben herab / Umgeben von Fotzen / Doch Mama sagt: Bleib stabil."

Theodor Heisenberg

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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