Musik / Backstage

Das Diamantenmädchen

vollendet am 8. Januar ihr 80. Lebensjahr

Nur eine durfte dreimal für James Bond singen: Shirley Bassey schmetterte 1964 "Goldfinger", 1971 "Diamonds Are Forever" und 1980 "Moonraker". Ein Zufall war das nicht. Ebenso wie der Geheimagent einer Ihrer Majestät war, wurde die aus ärmlichen Verhältnissen stammende Sängerin - Tochter einer proletarischen Britin und eines Nigerianers - zum Aushängeschild der Krone. Shirley Bassey steht für einen Glamour, der aus einer anderen Zeit stammt. Ihre tragische Biografie schien das Waliser Stimmwunder zu einer britischen Billie Holiday zu prädestinieren. Sie selbst entschied sich jedoch dafür, die schwarze Barbra Streisand zu sein.

Die Queen liebt Shirley Bassey. Ebenso taten es Prinz Charles und seine verstorbene Exfrau, Prinzessin Diana. Von Shirley und Charles gibt es jene Anekdote, dass der Prince of Wales und die Sängerin aus der gleichen Gegend des Empire bei einem Auftritt in Cardiff vom Publikum zu einem Kuss aufgefordert wurden. "Nun, was sollen wir tun?", flüsterte Bassey ihrem Gegenüber ins Ohr. "Wir sollten sie nicht enttäuschen", sagte der Prinz, dann wurde geküsst. Shirley Bassey ist die "Queen Mother" der britischen Unterhaltungsbranche, sagte mal ein Biograf ziemlich treffend über die seit langem in einer Art Altersteilzeit in Monaco residierende Diva. Von ihrem Exil an der Côte d'Azur wird sie noch heute zu diversen Gala-Jobs eingeflogen. Sollte es etwas zu feiern geben, wo Abendrobe, Diamanten und Champagner zum guten Ton gehören, ist Shirley Bassey mit ihrer immer noch erstaunlichen Stimme und den faszinierenden alten Gesten dabei. Man bucht eine Legende, ja eine Erscheinung.

So sah man Bassey zuletzt bei den Feierlichkeiten zum 90. Geburtstag der Queen im Juni 2016 wie zuvor schon bei anderen Jubiläen der Krone. Es ist eine Art Geben und Nehmen. Wie andere Musiker zuvor wurde Shirley Bassey im Jahr 2000 zur "Dame" geadelt. Auch wenn das Königreich nicht die Heimat des Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Mythos ist, auch hier mag man Storys wie jene der kleinen Shirley: ein schwarzes Kind aus den Slums von Cardiff, das es zum Weltstar geschafft hat. Ein politischer Mensch war Shirley Bassey indes nie. Als andere Stars längst das Apartheidsregime Südafrikas boykottierten, trat sie Mitte der 80-er noch im berüchtigten weißen Unterhaltungsparadies Sun City auf. "Sie sah sich selbst nie als Schwarze", sagen jene, die Bassey nahestehen.

Als sie im Amerika der Rassentrennung Las Vegas besuchte, um mit ihrem Fan Sammy Davis Jr. erste Schritte auf den amerikanischen Unterhaltungskontinent zu setzen, sei sie bestürzt gewesen, dass man sie als Farbige aus dem Casino herausbat. Es wollte nicht in Basseys Kopf hinein, dass sie selbst "anders" war. Ein Schrei nach Gleichberechtigung oder die Verdrängung der eigenen Herkunft? Wohl eher Letzteres.

Bassey stammt aus Tiger Bay, einem Multikulti-Viertel der damals aufgrund der Kohleindustrie florierenden Hafenstadt Cardiff. Basseys Vater war Seemann aus Nigeria, die Mutter Britin. Shirley kam 1937 als jüngstes von sieben Geschwistern auf die Welt, die verschiedene Väter hatten. Ihr eigener wurde, als der spätere Weltstar zwei Jahre alt war, wegen Sex mit einer Minderjährigen verhaftet und nach fünf Jahren Knast gen Nigeria abgeschoben.

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Das hübsche Mädchen mit der lauten, ausdrucksstarken Stimme begann mit 15 Jahren in Pubs und anderen Unterhaltungsschuppen Tiger Bays zu singen. Anfang der 50er-Jahre galten tingelnde amerikanische Shows als große Nummer im Königreich. Hierfür wurden stets talentierte, dunkelhäutige Sänger und Tänzer gesucht. Es war Shirley Basseys erster Job in der Unterhaltungsindustrie. In ihrer Hochhauswohnung in Monaco, wo in enger, Petersburger Hängung Goldene Schallplatten und Fotos mit ihr und anderen Ikonen wie Dean Martin die Tapete dahinter verschwinden lassen, ist auch der gerahmte erste Vertrag Basseys für die Nachwelt erhalten: 14 Pfund pro Woche bekam sie für ihre Mitwirkung in einem Musical. Doch die Karriere wäre fast vorbei gewesen, bevor sie begonnen hatte. Mit 16 Jahren wurde Bassey schwanger, der Vater ist bis heute unbekannt. Die junge Sängerin schied aus der Show aus, bekam Tochter Sharon, und arbeitete danach als Kellnerin. Nur wegen der Hartnäckigkeit eines Tänzers und Impresarios, der sich an sie erinnerte, kehrte sie auf die Bühne zurück.

1955 wurde der Londoner Manager Michael Sullivan auf die hübsche Waliserin aufmerksam. Er, der seinen Schützling finanziell wohl eher kurz hielt, sorgte für die ersten Hits: eine Version des "Banana Boat Song" und "As I Love You", ihre erste Nummer eins in Großbritannien während der Weihnachtswoche 1958. Zum Weltstar wurde Bassey 1964 mit dem James-Bond-Hit "Goldfinger", interessanterweise auch ein Nummer-eins-Album in den USA. Während der 60-er schien die Sängerin in den britischen Charts dauerpräsent, allerdings nie mit einem Nummer-eins-Album. Basseys Arena wurde immer mehr der große Live-Auftritt. Die schmetternde Stimme aus der Abendrobe. Dazu die eigenwillig ausdrucksstarke Mimik und Gestik. Shirley lebte jeden Song, zum Erkennungsmerkmal wurden ihre gespreizten Finger zu weit ausholenden Armbewegungen, die jene Liebesdramen auf ihren Lippen pantomimisch untermalten.

Bassey selbst blieb das große Glück in Sachen Liebe offenbar verwehrt. Oft war sie mit ihren Managern liiert. Mit Sullivan soll es nur eine kurze Affäre gegeben haben, Manager-Nachfolger und Ehemann (1961-65) Kenneth Hume war schwul. Immerhin folgten ein paar glückliche Jahre mit dem ehemaligen italienischen Hotelmanager Sergio Novak (1968 bis 1979). Am heißesten geriet wohl Shirleys Affäre mit Schauspieler Peter Finch, einem harten Trinker. Er, so hieß es eine Weile hartnäckig, soll auch der Vater von Basseys zweiter Tochter Samantha sein, die 1964 zur Welt kam - noch während der Ehe mit Kenneth Hume. Finch selbst bestritt die Vaterschaft, Kenneth Hume tat es auch. Samantha nahm sich mit 21 das Leben in einem Fluss, auch wenn die genauen Umstände ihres Todes bis heute nicht ganz geklärt sind.

Bassey, die schon länger alleine lebt, hat wohl mit Ehe und anderen engen Beziehungen abgeschlossen. Sie wäre nicht in der Lage gewesen, sagte sie vor nicht allzu langer Zeit, all diese Lieder zu singen, wenn sie in der Liebe mehr Glück gefunden hätte. Auch von ihrer Familie und den Anfängen in Tiger Bay scheint die Entertainerin seltsam entwurzelt. Wenn sie in Cardiff auftrat, so erzählen es Vertraute, wollte sie nie daheim bei der Verwandtschaft vorbeischauen. Ein kurzes Treffen nach der Show musste reichen. Andererseits sagte die Dame des Empires einmal, sie sei nie wieder in ihrem Leben so glücklich gewesen, als während ihrer Jugendtage in Tiger Bay. Irgendetwas hat dieses Mädchen aus der Multikulti-Großfamilie herausgerissen.

Ob es der Ruhm und jene Diamanten waren, die angeblich "forever" sind? Ein Hauch von biografischem Schauder und das Drama des alten Jet Sets umgibt Shirley Bassey bis heute. Die Mutter des britischen Showbusiness musste sich das Drama ihrer Lieder mit persönlichem Leid erkaufen. So läuft das Leben und das Geschäft - bis heute, mit nunmehr 80 Jahren.

Eric Leimann

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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