Musik / Backstage

"Ich glaube an Mandelas Weg"

feiert nach einem Ausflug in die Politik ein musikalisches Comeback

An der Seite von Lauryn Hill wurde Wyclef Jean mit seiner Band The Fugees Mitte der 90-er weltbekannt, seine anschließende Solokarriere war anfangs nicht minder erfolgreich. In den letzten Jahren wurde es allerdings ziemlich ruhig um den dreifachen Grammy-Gewinner. Mit seiner im Januar erscheinenden EP "J'ouvert" (VÖ: 27.1.) will er nun an alte Erfolge anknüpfen. Zu finden ist darauf auch der Song "If I Was President 2016" - eine aktualisierte Version von Wyclef Jeans gleichnamigem Titel aus dem Jahr 2008. Im Interview verrät der 47-Jährige, was er ändern würde, wenn er wirklich Präsident wäre, wie er das derzeitige politische und soziale Klima in unserer Welt betrachtet und weshalb er sich selbst als Botschafter sieht.

teleschau: In Ihrem Song "If I Was President 2016" nehmen Sie Donald Trump, Hillary Clinton und Bernie Sanders aufs Korn. Angenommen Sie wären dieses Jahr gewählt worden - was würden Sie ändern?

Wyclef Jean: Wenn ich US-Präsident wäre, würde ich als erstes in die ländlichen Gegenden investieren. Vor den Wahlen machen Politiker eine Menge Versprechen, doch am Ende sind die ländlichen, armen Regionen stets die, die am meisten leiden. Wenn man wirklich investieren und dabei eng mit der Privatwirtschaft arbeiten würde, um Jobs in diese Gemeinden zu bringen, dann würde das für drastische Veränderungen sorgen - und zwar auf der ganzen Welt.

teleschau: Der Song stammt ursprünglich aus dem Jahr 2008. Warum war es nötig, ihn zu aktualisieren?

Jean: Weil mir die Vereinigten Staaten im Moment wie ein Zirkus vorkommen. Der Wahlkampf wirkte doch wie die reinste Reality-Show. Mit dem Song mache ich mich darüber lustig. Jetzt, wo Trump Präsident wird, will er Hillary plötzlich doch nicht mehr ins Gefängnis stecken. Obama bezeichnet Trump auf einmal als okayen Typen, und Trump sagt, er möge Obama. Die Politiker finden immer einen Weg, für sich selbst alles geradezurücken. Die Leidtragenden sind wir, die Bevölkerung. Mit dem Song will ich den Politikern sagen, dass sie sich mal an die eigene Nase fassen sollen.

mehr Bilder

teleschau: Zu Trumps Kernthemen gehörte die Einwanderungspolitik. Sie selbst sind mit Ihrer Familie von Haiti in die Vereinigten Staaten gekommen, als Sie neun Jahre alt waren. Fühlen Sie sich noch als Immigrant?

Jean: Nun ja, meine Heimat New York ist die Stadt der Immigranten, und die Vereinigten Staaten sind das Land der Zuwanderer. Die USA sind so ein Schmelztiegel, dass ich mich eigentlich nicht als Immigrant fühle. Ich bin eher Teil des Systems. Mit Trumps Einwanderungspolitik stimme ich aber absolut nicht überein. Wenn er Präsident gewesen wäre, als mein Vater noch lebte, dann wäre ich heute vielleicht nicht hier.

teleschau: Darf man daraus schließen, dass Sie über seine Wahl nicht besonders glücklich sind?

Jean: Es ist, wie es ist. Und egal, wer im Amt ist: Wir haben das Recht, die Politiker dafür zur Verantwortung zu ziehen, was sie versprochen haben. Trump versprach, in die ländlichen Gegenden zu investieren, darauf freue ich mich. Und er sagte, dass er ein Präsident für jedermann sein will. Ich bin gespannt, ob das wirklich passiert. Wir haben ja keine andere Wahl, als ihm eine Chance zu geben.

teleschau: 2016 war ein Jahr voller Krieg und Schreckensnachrichten. Mit welchem Gefühl beobachten Sie derzeit das politische und soziale Klima?

Jean: Ich habe das Bedürfnis, nach vorne zu blicken. Nennen Sie mich naiv, aber es muss ein Dialog her. Nachdem Nelson Mandela aus dem Gefängnis gekommen war, hatte ich das Glück, ihn drei- oder viermal zu treffen. Einmal sprach ich fast eine Stunde mit ihm. Wir unterhielten uns über die von ihm eingerichtete Wahrheits- und Versöhnungskommission in Südafrika. Opfer und Täter legten ihre jeweilige Sicht der Dinge dar. So weh es auch tat, es war notwendig, um die Vergangenheit zu überwinden. Wenn man das auf die heutige Welt ummünzt: Wir leben in einer Zeit, in der wir uns ständig gegenseitig beschuldigen, statt zu erkennen, was wirklich los ist in der Welt. Ich glaube an Mandelas Weg: Wir brauchen Dialog, Kommunikation und friedliche Lösungen.

teleschau: Politik spielte in Ihren Songs immer wieder eine Rolle. Ist Musik der richtige Ort dafür?

Jean: Als ich aufwuchs, hörte ich viel Bob Marley, Bob Dylan, Jimi Hendrix, The Police und U2 - alles Künstler, die solche Dinge ansprechen. U2 halfen mir dabei, zu verstehen, was in der Welt los ist. Und es ist mir einfach wichtig, selbst einen Beitrag zu leisten.

teleschau: 2010 wollten Sie sogar für das Amt des Präsidenten von Haiti kandidieren. Sie wurden zur Wahl allerdings nicht zugelassen, weil Sie die gesetzlichen Vorgaben nicht erfüllten ...

Jean: Seitdem weiß ich, dass Politik nichts für mich ist (lacht). Ich bin Rockstar, das kann ich besser - aber gleichzeitig will ich Botschafter sein. Nicht nur für Haiti, sondern für die Welt. Natürlich muss jeder für sich selbst entscheiden, ob und wie er sich engagieren will. Aber ich sage immer: Haben wir vergessen, warum wir auf dieser Welt sind? Each One Teach One!

teleschau: Für Ihr Engagement in Haiti wurde Ihnen 2011 der "National Order of Honour and Merit" verliehen - doch wenig später mussten Sie Ihre Charity-Organisation Yéle Haiti wegen Betrugsverdacht schließen. Was war da los?

Jean: Ich gründete den Verein auf der Höhe meines Erfolges und steckte eine Million von meinem privaten Vermögen da rein. Damals strich ich mit jeder Tour Millionen ein. Und die Leute behaupten ernsthaft, ich hätte mich am Verein bereichert und meinem Land Geld gestohlen. Das ist lächerlich! Wir verfassten damals einen Artikel, in dem genau drin stand, wohin das Geld floss - aber keine Zeitung griff ihn auf. Ich kann Ihnen den Artikel gerne schicken.

teleschau: Sie sagten mal, dass Sie 1997 dachten, Sie könnten ganz Haiti retten. Wie denken Sie heute?

Jean: Damals, mit Anfang 20, dachte ich wirklich, ich verändere die ganze Nation. Heute weiß ich, wie Politik funktioniert. Und mir ist klar: Ich kann zwar Teil der Veränderung sein, doch es braucht mehr als nur mich. Trotzdem werde ich mich auch weiterhin in Haiti engagieren.

teleschau: Kehren Sie noch oft dorthin zurück?

Jean: Klar, ich war gerade erst dort, um zu wählen. Das Lustige ist: Wenn ich in Haiti bin, kommen die 15-jährigen Kids zu mir und sagen, wie toll es ist, was ich mache, und dass ich nicht aufhören soll und ihnen eine Zukunft geben soll. Für sie mache ich das alles, auch wenn ihre Eltern Zweifel hegen. Die Kids haben keine Zweifel, sie sehen alles mit unschuldigen Augen.

teleschau: Mit ihrer EP "J'ouvert" beziehen Sie sich auf Ihre karibischen Wurzeln, nicht wahr?

Jean: Genau, "J'ouvert" ist der Beginn des Karnevals in der karibischen Kultur. Ich tauche mit dieser EP wieder in mein Element ein. Wenn man heute das Radio anschaltet, ist eine Vielzahl der Songs von Reggae, karibischen Sounds und afroamerikanischer Musik inspiriert. Eine Fusion, die ich 1997 mit meinem Album "The Carnival" etablierte. Nächsten Sommer, genau 20 Jahre später, erscheint mein Album "Carnival III: Road to Clefication". "J'ouvert" ist also bloß der Beginn ...

Nadine Wenzlick

Quelle: "teleschau - der mediendienst"


Versenden Drucken

Weitere Artikel


Aktuelle Playlist

00:36:41
QUEEN
A KIND OF MAGIC
293Mag ich
http://www.radiobonn.de/bonn/rb/295701?song_id=320

CD-Archiv

CD-Archiv

Suchen Sie in der Radio Bonn/Rhein-Sieg - CD-Datenbank nach Interpreten und/oder CD-Titeln.


Avicii feat. Sandro Cavazza - Without You
Anzeige
Zur Startseite