Musik / Backstage

Zwischen Punk und Poesie

vollendet am 30. Dezember das 70. Lebensjahr

2016 wird als das Jahr der Literaten in die Annalen der Musikgeschichte eingehen. Zuerst: der Tod von Leonard Cohen. Dann: der Nobelpreis für Bob Dylan. Und schließlich: Patti Smith, die an dessen Stelle bei der Verleihung des Preises in Stockholm erschien. Keine bloße Stellvertreterin, sondern eine ebenbürtige, großartige Künstlerin. Am 30. Dezember wird die "Godmother of Punk" 70 Jahre alt.

"Ich denke von mir nicht als Rockstar, noch nicht mal als Sängerin. Mein erster Gedanke morgens ist, dass ich mein Heft nehme und schreibe", konstatierte Patti Smith im März in einem Interview mit der "Zeit". Keine neue Erkenntnis. Erst kam die Feder, dann die Stimme: Smith startete Ende der 60-er in der New Yorker Künstlerszene, lebte mit dem Fotografen Robert Mapplethorpe im legendären Hotel Chelsea. Mapplethorpe war es auch, der das vielleicht berühmteste Bild von Patti Smith schoss: das Coverfoto ihrer ersten LP "Horses".

1975 erschien dieses Debütalbum, vorausgegangen war ihm die Single "Hey Joe" (1974), dessen B-Seiten-Song "Piss Factory" von einigen als erster Punk-Song überhaupt angesehen wird. Bis heute gilt "Horses" als bahnbrechend. Nicht nur in Bezug auf die Positionierung und Selbstwahrnehmung weiblicher Stars. Die Zeile "Jesus died for somebody's sins, but not mine" ("Gloria") markiert den Auftakt zu einer Reihe an Konventionsbrüchen auf hochfliegendem poetischen Niveau. Punk Rock - damals "offiziell" noch nicht einmal existent - hatte seinen ersten weiblichen Stern bekommen.

Smith sah Wände, die es zu durchbrechen galt. Hürden aus Beton waren da, um überwunden zu werden. Das, was sich als Definition des Punk später herauskristallisieren sollte, trug sie als Keimzelle in sich. Nicht nur musikalisch. Ihr betont männliches Auftreten (aus "female" wurde in einem ihrer Gedichte "feel male"), das spürbare Aufbegehren, die unbändige Energie: All das waren Faktoren, die aus Patti Smith eine Ikone werden ließen.

Von Madonna bis Courtney Love reicht die Liste der Musikerinnen, die sich von ihr beeinflusst sehen. Smith stand abseits aller Normen und zeigte es dennoch allen. Und sie scheute sich nicht, nach ihrem Erfolgsalbum "Easter" (1978), welches ihren bekanntesten, von Bruce Springsteen musikalisch angelieferten Hit "Because The Night" enthielt, sowie dem 1979 folgenden "Wave" den Rückzug anzutreten - um in den folgenden Jahren einem sehr wichtigen Beruf zu frönen: dem der Mutter.

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Auch im 21. Jahrhundert ist Patti Smith aktiv: 2007 wurde sie in die "Rock and Roll Hall of Fame" aufgenommen; zu den von ihr dargebotenen Songs gehörte das 1978 entstandene "Rock N Roll Nigger", welches die Außenseiterthematik wie keine zweite Nummer ins Publikum zu schleudern wusste. 2010 veröffentlichte sie ihr gefeiertes Buch "Just Kids" über ihre Freundschaft zu Robert Mapplethorpe; der zweite Teil ihrer Memoiren mit dem Titel "M Train: Erinnerungen" erschien hierzulande im März.

2012 schließlich brachte sie ihr letztes, immer noch aktuelles Album "Banga" auf den Markt. Der englische Ausdruck "to come full circle" beschreibt es ganz gut: Im selben Studio wie "Horses" wurde es aufgenommen, zur Band gehörten wie damals Lenny Kaye (Gitarre) und Jay Dee Daugherty (Schlagzeug). Auch Smiths Kinder Jesse und Jackson sind mit von der Partie, ebenso Johnny Depp, ein enger Freund der Künstlerin. Ein Album, verwurzelt im Hier und Jetzt, und dennoch ähnlich einnehmend wie frühere Großwerke. Mit "April Fool" gibt es die erste großartige Single nach einer gefühlten Ewigkeit, "Fuji-san" gedenkt der Opfer des Tohoku-Erdbebens 2011 (Stichwort: Fukushima!), "This Is The Girl" ist Amy Winehouse gewidmet.

All das zeigt: Patti Smith ist weiterhin auf der Höhe der Zeit, wenngleich sich die einstige Wut in eine introvertiertere, ruhigere Form der Auseinandersetzung mit den Zuständen "dort draußen" gewandelt hat. Es geht um Entdeckung und Verlust. Das Schicksal steuerte eine ironische Fußnote bei: Im Booklet sind Fotos der Costa Concordia zu sehen, auf welcher Smith und Gitarrist Kaye am Album arbeiteten. Noch bevor "Banga" erschien, lief der Kreuzfahrtriese vor Giglio auf Grund. Das majestätische Schiff, auf welchem die beiden "von der Zukunft träumten", wie es im Booklet geschrieben steht, fand ein jähes Ende im Chaos.

"Jimi Hendrix, Janis Joplin, Jim Morrison, ich hatte alle drei gekannt, alle tot innerhalb weniger Monate. Ich hatte nicht vor, mein Leben wegzuwerfen", erzählte sie 2015 dem "Spiegel". Über all die Jahre verfiel Patti Smith alleine ihrer Kunst. Sie sah sich als Arbeiterin, nicht als Person im Showbusiness. Und als einen Menschen, der trotz aller Kritik, trotz allen Aufbegehrens immer beide Seiten der Medaille betrachtete: "Ich bin gerne respektlos, aber auch gerne respektvoll", vielleicht liegt gerade in dieser Äußerung gegenüber dem britischen "Guardian" eine Besonderheit der in Chicago geborenen Künstlerin. Sie reitet nicht auf Prinzipien herum, steht zu ihrem Älterwerden und den damit verbundenen Veränderungen. 2014 spielte sie auf Einladung von Papst Franziskus im Vatikan - eine Aktion, die bezeichnend für ihre Entwicklung ist.

Am 30. Dezember 2016, ihrem 70. Geburtstag, wird Patti Smith auf der Bühne stehen. Im Riviera Theater in Chicago, zusammen mit ihren Kindern. Sie wird dabei an ihre Eltern denken, schrieb sie in einem Artikel für den "New Yorker". Und vielleicht auch an ihren Auftritt bei der Verleihung der Nobelpreise am 10. Dezember. Bob Dylan, den sie 1975 erstmals getroffen hatte und dessen Songs sie oft zu Tränen rührten, blieb der Veranstaltung fern. Patti Smith sang dessen Folk-Klassiker "A Hard Rain's A-Gonna Fall", ein Favorit ihres verstorbenen Ehemannes Fred "Sonic" Smith.

Aus Aufregung, wie sie prompt zugab, kam sie beim Vortrag ins Stocken. Sie habe die Worte "einfach nicht herausbekommen", verriet sie dem "New Yorker" wenige Tage später. Ein Unglück? Wohl kaum. Unvollkommenheit und vollkommene Inbrunst waren gleichermaßen anwesend. Bemerkenswert: Am nächsten Vormittag lobten einige am Abend anwesende Wissenschaftler genau diese Szene - sie sahen in ihr eine Metapher für ihren eigenen Kampf. Und so hat Patti Smith am Ende wieder mit ihrer natürlichen Reaktion den Puls des Moments getroffen. Oder wie Shirley Manson (Garbage) es einmal formulierte: "Sie ist eine Soldatin. Sie wird nicht besiegt werden."

Alexander Diehl

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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