Musik / CD

Børns: Blue MadonnaPop zwischen den Aggregatszuständen

"Ich schreibe eine jugendliche Symphonie an Gott", soll Brian Wilson, Kreativkopf der Beach Boys, 1967 gesagt haben. Er befand sich zu diesem Zeitpunkt in einer freundschaftlichen Rivalität mit den Beatles und deren Songwritern Lennon und McCartney. Dass deren verspielte und effektreiche LPs "Revolver" und "Sgt. Pepper" in den Augen der Kritiker die Grenzen zwischen Popmusik und Hochkultur aufgebrochen hatten, inspirierte vermutlich sein Album "Smile". New-Age-Gebaren und eine Vielzahl an Tonarten und Stilen, die in einem Brei aus Chor- und Orchester-Anleihen ineinanderfließen, bemühen sich darauf recht verkrampft, Kunst zu sein und an der Coolness der Pilzköpfe zu kratzen. 50 Jahre später führt nun Børns eben jenes "Smile"-Album als Einflussgröße für sein neues Werk "Blue Madonna" an. Die Parallelen sind, wohl oder übel, unverkennbar.

Der junge Sänger Børns stammt nicht etwa, wie man zunächst vermuten könnte, aus Skandinavien, sondern aus dem Mittleren Westen der USA. Das akzentuierte "ø" erfüllt vermutlich einen ähnlich zeitgeistigen Zweck wie das Dreieck bei Alt-J. Als Gender Bender und Gucci-Werbeträger ist Børns quasi der geborene Headliner für das Coachella-Festival, das als Mekka der Lifestyle-Blogger und Fashion-Influencer in Kalifornien gilt.

Auf seinem Zweitwerk wird das Sound-Spektrum noch ein ganzes Stück weiter aufgefächert als auf dem Debüt "Dopamine". "Blue Madonna" klingt flächig und orientiert sich wenig an klassischen Pop-Song-Strukturen. So unschuldig wie die titelgebende Gottesmutter will sich Børns nicht geben, aber ähnlich ungreifbar. Entfremdung und Selbst-Auflösung scheinen die Leitmotive des Albums zu sein, so zum Beispiel am Ende von "Faded Heart", als die Musik weit in der Ferne zerstäubt.

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Davor prallen Geräuschkulissen auf Synthesizer-Wände, wir erinnern uns an den Glam Rock der 70-er, dann wieder an moderne Indietronic-Acts. Auf "We Don't Care" hört man schon innerhalb der ersten zehn Sekunden ein Classic-Rock-Sample, ein rückwärts abgespieltes Cello, einen pulsierenden elektronischen Bass und nahöstliche Banjo-Melodien. Alles pendelt zwischen analog und digital, organisch und fremd.

Auch Børns Stimme wechselt die Aggregatzustände. Sie klingt mal männlich, mal weiblich, füllt im Chor den Raum und droht dann schon wieder im Falsett zu zerbrechen. Das klingt einen Moment lang stark nach der britischen Sängerin Anohni, ehemals Antony. Was bei Børns dann aber doch anders ist als bei Anohni, dafür aber tatsächlich an Wilsons "Smile" erinnert: Seine neueste Sound-Collage wirkt in vielen Momenten überproduziert und mit zunehmender Laufzeit immer wahlloser. Einen tanzbaren Synth-Pop-Hit wie "Electric Light", mit dem der Amerikaner vor drei Jahren seinen Durchbruch feierte, lässt dieser Tumult leider nicht zu.

Mathis Raabe

Audio CD
Bewertungakzeptabel
CD-TitelBlue Madonna
Bandname/InterpretBørns
GenreIndie-Pop
Erhältlich ab12.01.2018
LabelInterscope
VertriebUniversal
Quelle: "teleschau - der mediendienst"


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