Musik / CD

Nine Inch Nails: Not The Actual EventsDie Wiederbelebung des Trent R.

Das Wichtigste zuerst: "Not the Actual Events" ist endlich mal wieder eine wirklich hörenswerte Veröffentlichung der Nine Inch Nails. Die beste und aufregendste seit "With Teeth" (2005). Klar, nur eine EP von etwas mehr als 20 Minuten. Aber ein starkes Stück Musik. Drei Jahre lang hatte Trent Reznor das Projekt mehr oder weniger ruhen lassen, vor allem um Film-Scores zu produzieren. Kürzlich in einem Interview auf seine Ankündigung aus dem Dezember 2015 angesprochen, es werde 2016 neues Material von den Nine Inch Nails geben, antwortete der 51-Jährige sinngemäß: "Stimmt, da war ja was." Wenige Tage später erschien zum Weihnachtsfest also die zweite EP der Band seit "Broken" (1992) digital und auf Vinyl. Zudem wird im Januar eine dazugehörige "physische Komponente" (eine was?) ausgeliefert.

Es ist lange her, aber man erinnert sich noch: Trent Reznors Nine Inch Nails waren mal eine bedeutsame Band. Laut, sperrig, innovativ, aber doch melodiös genug für ein breites Publikum, machten sie Industrial Rock mit Alben wie "The Downward Spiral" und "The Fragile" in den 90er-Jahren salonfähig. Danach wurde die Musik zunehmend tanzbarer, Club-tauglicher, mitunter regelrecht poppig und auch ein bisschen belanglos. Reznor scheint sich mit der musikalischen Stromlinienförmigkeit nun selbst nicht mehr wohl gefühlt zu haben. Anders kann man "Not the Actual Events" nicht deuten.

Der schnörkellose Opener "Branches / Bones" bläst grob die Zylinder durch; der Track ist so ekelhaft produziert wie kein anderer Song in der inzwischen 27-jährigen Bandgeschichte. Auf jeden Fall ein Statement. "Dear World," knüpft als atmosphärische Beat-Collage am ehesten noch an die letzten sehr elektronischen Alben an. Und dann schlägt Reznor (offiziell unterstützt durch Atticus Ross) für den Rest der Platte einen Ton an, der den Nine Inch Nails vollkommen abhanden gekommen schien: Rustikal, wuchtig und vor allem sehr lebendig stampfen und hämmern und pflügen die letzten drei Titel voran, mit "She's Gone Away" als grandiosem Herzstück von "Not The Actual Events". Gitarren - endlich wieder Gitarren! - geben dem angenehm schmutzigen Gebilde Saft. Die Fans "von damals" werden diese EP lieben.

Reznors überraschendes Weihnachts-Drecksstück erinnert mit seinen Stimmungen und Klangbildern stark an die glorreiche Sturm-und-Drang-Zeit der Nine Inch Nails. Es wirkt aber nicht wie eine uninspirierte Rückkehr zum bereits Gesagten. Eher wie die Rückbesinnung auf alte Stärken. "Es ist ein unfreundliches, ziemlich unzugängliches Album, das wir einfach machen mussten", erklärt das NIN-Mastermind sein Werk. Was raus muss, muss eben raus.

Bleibt nur noch die Frage, was es mit der ominösen "physischen Komponente" auf sich hat, die im Januar nachgereicht werden soll und im Paket mit einer Audiodatei schon jetzt gekauft werden kann. Das große Rätseln in den Fan-Foren hat längst begonnen. Eine CD? Eine Kasette? Ein Klumpen Metall mit aufgedruckten Credits womöglich, damit man beim Hören der digitalen Fassung zumindest irgendwas in der Hand halten kann (Reznor ist Haptik-Fan)? Was auch immer dahintersteckt, wird die Aufregung der Anhänger am Ende kaum wert gewesen sein. Egal: Die Nine Inch Nails wirbeln endlich mal wieder etwas Staub auf. Darüber kann man sich nur freuen.

John Fasnaugh

Audio CD
Bewertungausgezeichnet
CD-TitelNot The Actual Events
Bandname/InterpretNine Inch Nails
GenreIndustrial Rock
Erhältlich ab23.12.2016
LabelNine Inch Nails
VertriebEigenvertrieb
Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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