Musik / CD

Rio Reiser: BlackboxAus dem letzten Winkel

Ist ein Songtext nun Literatur oder nicht, fragten sich im Oktober Leser, Hörer und Feuilletonisten, als Bob Dylan zum Literaturnobelpreisträger ernannt wurde. Angeklungen war diese Frage hierzulande auch schon vorher, im August 2016, in all den posthumen Lobeshymnen zum 20. Todestag eines besonderen deutschen Künstlers: Rio Reiser. Wie kaum ein anderer berührte der einstige Protestsänger seine Zuhörerschaft, die erst ganz am Ende seiner Karriere so zahlreich war, wie Reiser es eigentlich verdiente. Mit "Blackbox" ist nun eine 16 CDs umfassende Ehrerweisung auf dem Markt, der allerdings nur die eingeschworensten Rio-Fans Beachtung schenken dürften.

Für die 16 CDs ist nicht etwa das musikalische, kommerziell vertriebene Gesamtwerk des ehemaligen Ton-Steine-Scherben-Sängers und -Songschreibers zusammengeklaubt worden. Vielmehr spielt das bisher verborgene Schaffen Reisers in der schallplattengroßen, drei Finger dicken "Blackbox" eine Rolle. Kein "König von Deutschland", sondern Hoffmanns Comic Teater; kein "Keine Macht für Niemand", vielmehr Stones-, Dylan- und Beach-Boys-Cover aus dem Kinderzimmer. Rios ehemaliger Gitarrist Lutz Kerschowski zeichnet für die Veröffentlichung verantwortlich, das "Rio Reiser Archiv" öffnete auch die verstaubteste Schatulle.

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Nicht alle offiziellen Veröffentlichungen zu Lebzeiten des Künstlers offenbarten sein Genie - ein Schicksal, das er mit so gut wie allen Großen teilt, auch mit Nobelpreisträger Bob Dylan. Mit der Herausgabe von Material, das im hintersten und letzten Winkeln des Reiser'schen Nachlasses gefunden wurde, droht so stellenweise das Gold zu ermatten, das all die Presse-Texte zum Todestag vor wenigen Monaten noch glänzen ließ. Es gibt durchaus Momente, Lieder und Versatzstücke in der "Blackbox", die ruhig im Keller hätten bleiben können. - Ob man nun alle verrauschten Straßentheater-Mitschnitte gehört haben muss, um Reisers Größe bewerten zu können, ist fraglich. Selbst ein Rio-Fanatic wird sich nicht dessen kindliche Einspuraufnahmen auf das iPhone laden und damit im Ohr durch die Straßen spazieren. Doch alleine der Vollständigkeit halber gehören diese natürlich auch dazu.

"Blackbox" bringt Anhängern zweifellos die Person hinter dem Musiker näher. Ob man nun den bürgerlichen Ralph Möbius oder die bald alles andere überblendende Kunstfigur Rio Reiser zu entdecken versucht, bleibt jedem selbst überlassen. Feststeht: Jeder Reiser zugeneigte Hörer wird auf 16 CDs auf eine frühe Dringlichkeit stoßen, auf eine teils zaghafte, teils eindeutige Auseinandersetzung mit dem Schwulsein, was er sich in seinem Treiben als Rock- und Schlagersänger verkniff. Und auf eine Grundtraurigkeit, die viele der großen Rio-Momente wohl erst möglich machte. Ganz und gar nicht beiläufig zu erwähnen, ist auch der 230 Seiten dicke Brummer von einem Begleitbuch, mit großformatigen, ungesehenen und teils aufregenden Bildern sowie liebevoll zusammengetragenen Erinnerungen aus den jeweiligen Stationen eines besondern deutschen Künstlers.

Max Trompeter

Audio CD
Bewertungüberzeugend
CD-TitelBlackbox
Bandname/InterpretRio Reiser
GenreRock / Pop / Schlager / Musical
Erhältlich ab11.11.2016
LabelMöbius Records
VertriebBuschfunk
Quelle: "teleschau - der mediendienst"


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